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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Zweiter Abschnitt.

wie in Mersenne’s Commentar zur Genesis, deren eigentliche Natnrschwer festznstellen ist.

In Deutschland war es Philipp Melanchthon, der das ent-scheidende Beispiel gab zur Deform der aristotelischen Philosophie.Er sprach es offen aus, dass er für die Philosophie durch Zurück-gehen auf die ächten Schriften des Aristoteles eine ähnliche Reformbeabsichtige, wie Luther sie für die Theologie durch Zurückgehenauf die Bibel bezweckte.

Allein diese melanchthonische Reform gedieh im Allgemeinen nichtzum Heile Deutschlands. Sie war einerseits nicht radical genug, daMelanchthon selbst bei aller Feinheit seines Denkens durch und durchvon den Fesseln der Theologie und selbst der Astrologie gehemmtwar; anderseits bewirkte das ungeheure Gewicht des Reformatorsund der Einfluss seiner ac-ademischen Lehrthätigkeit für Deutschlandein Zurückgehen auf den Scholasticismus, welches bis lange nachCartesius anhielt und das Haupthemmniss der Philosophie in Deutsch-land bildete.

Bemerkenswerth ist jedoch, dass Melanchthon regelmässige Vor-lesungen über Psychologie nach seinem eigenen Handbuche einführte.Seine Anschauungen streifen im Einzelnen oft nahe genug an Mate-rialismus, sind aber allenthalben ohne tiefere Vermittelung durch dieLehre der Kirche in enge Grenzen gezogen. Die Seele erklärteMelanchthon nach der falschen Lesart ivdeXt/eia statt ivnU/ua alsdie Ununterbrochene: eine Lesart, auf die sich hauptsächlich die An-nahme der Unsterblichkeitslehre des Aristoteles stützte. Der Witten-berger Professor Amerbach, der eine streng aristotelische Psycho-logie schrieb, gerieth über diese Lesart dermaassen mit dem Refor-mator an einander, dass er in der Folge Wittenberg verliess undwieder katholisch wurde.

Eine dritte Schrift über Psychologie erschien ungefähr um die-selbe Zeit von der Hand des Spaniers Ludwig Vives.

Vives ist für diese Zeit als der bedeutendste Reformator derPhilosophie und als ein Vorläufer des Cartesius und des Baco zubetrachten. Sein ganzes Leben war ein unausgesetzter und erfolg-reicher Kampf wider die Scholastik: in Beziehung auf Aristoteleswar seine Ansicht, dass die ächten Schüler seines Geistesüber ihn hinaus gingen und die Natur selbst befragten,wie die Alten es auch gethan. Nicht aus der blinden Traditionoder aus spitzfindigen Hypothesen sei die Natur zu erkennen, sondern