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Erstes Buch. Zweiter Abschnitt.
aus Tliorn. ln seinen letzten Lebenstagen soll der ergraute Forscherdas erste Exemplar seines grossen Werkes erhalten haben und dannbefriedigt aus dieser Welt geschieden sein.
Was jetzt, nach drei Jahrhunderten, jeder Elementarschüler lernenmuss, dass die Erde sich um sich selbst und um die Sonne bewegt,das war damals eine grosse und trotz einzelner Vorläufer eine neue,dem allgemeinen Bewusstsein schnurstracks zuwiderlaufende Wahrheit.Es war aber auch eine Wahrheit, die gegen Aristoteles verstiess undmit der die Kirche sich noch nicht abgefunden hatte. Was die Lehredes Kopernikus gegen den Hohn der conservativen Menge, gegen denFanatismus der Schul- und Kirchenpfaffen einigermassen schützte,war die streng wissenschaftliche Form und die überwältigende Be-weiskraft eines Werkes, an welchem der Verfasser in der stillenMüsse seiner Domherrenstelle zu Frauenburg mit bewundernsw'ertherAusdauer dreiunddreissig Jahre lang gearbeitet hatte. Der Gedankehat etwas wahrhaft Grosses, dass ein Mann, der noch im Alter desfeurigsten Schaffens von einer weltbewegenden Idee ergriffen wird,sich im vollen Bewusstsein ihrer Tragweite zurückzieht, um seinganzes übriges Leben der ruhigen Ausbildung dieses Gedankens zuwidmen. Daher die Begeisterung der wenigen ersten Schüler, daherdas Stutzen der Pedanten und die Zurückhaltung der Kirche.
Wie bedenklich nach dieser Seite das Unternehmen schien, zeigtder Umstand, dass der Professor Osiander, welcher den Druck desBuches besorgte, in einer nach Sitte der Zeit von ihm angeflicktenVorrede die ganze Lehre des Kopernikus als eine Hypothese dar-stellte. Kopernikus selbst hat keinen Tlieil an dieser Verhüllung.Kepler, selbst von stolzer Denkfreiheit beseelt, nennt ihn einen Mannvon freiem Geiste; und in der Tliat, nur ein solcher konnte dieRiesenarbeit vollbringen.
„Die Erde bewegt sich“ wurde bald der Satz, durch den derGlaube an die Wissenschaft und an die Untrüglichkeit der Vernunftsich schied vom blinden Festhalten an der Ueberlieferung; und alsman nach einem Kampf von Jahrhunderten in diesem Punkte derWissenschaft definitiv den Sieg überlassen musste, warf das ein Ge-wicht zu ihren Gunsten in die Wagschale, als ob sie durch einWunder die bis dahin ruhende Erde erst wirklich bewegt hätte.
Einer der frühesten und entschiedensten Anhänger des neuenWeltsystems, der Italiener Giordano Bruno, ist durch und durchPhilosoph, und wenn auch sein System im Ganzen als pantheistisch