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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Zweiter Abschnitt.

der den Dualismus zwischen Geist und Körperwelt herstellte, undvon dem berüchtigten „Cogito ergo sum“ seinen Ausgangspunkt nahm,könnte es scheinen, dass er nur als Gegensatz zur materialistischenRichtung auf deren Consequenz und Klarheit zuriickgewirkt habe.Allein wie wollen wir uns dann die Thatsache erklären, dass derschlimmste der französischen Materialisten, De la Mettrie, mit allerGewalt ein Cartesiauer sein wollte, und nicht ohne seine Gründedafür zu haben? Es findet also auch hier noch ein directerer Zu-sammenhang statt, den wir im Folgenden erörtern wollen.

Was die Principien der Forschung betrifft, so stellen sich zu-nächst Baco und Descartes beide negativ gegen alle bisherige Phi:losopliie, insbesondere gegen die aristotelische; beide beginnen miteinem Zweifel an Allem, aber Baco, um sich sodann an der Handder äusseren Erfahrung zur Auffindung der Wahrheit leiten zu^ lassen,Descartes, um sie aus jenem Selbstbewusstsein, das ihm bei seinemZweifel allein übrig geblieben war, durch deductive Schlüsse heraus-zuarbeiten.

Hier kann kein Zweifel sein, dass der Materialismus nur aufSeiten Baco’s liegt, dass das System des Cartesius vop jenen Grund-gedanken consequent weiter gebildet zu einem Idealismus hätte führenmüssen, bei dem die gesammte Aussenwelt nur als Phänomen erscheintund allein das Ich wahre Wirklichkeit hat. Der Materialismus istempirisch und bedient sich des deduetiven Weges selten und erstdann, wenn ein hinlängliches Material auf inductivem Wege gewonnenist, aus dem man alsdann durch freies Schlussverfahren zu neuenWahrheiten gelangen kann. Descartes begann mit Abstraction undDeduction, und das war nicht nur nicht materialistisch, sondern auchnicht zweckmässig; es leitete mit Nothwendigkeit zu jenen offenbarenTrugschlüssen, an denen unter allen grossen Philosophen vielleichtkeiner so reich ist, als Descartes. Allein die deductive Methodetrat einmal in den Vordergruud und damit zusammenhängend jenereinste Form aller Deduction, in der Descartes einen ehrenhaftenPlatz hat noch ausserhalb der Philosophie: die Mathematik. Bacomochte die Mathematik nicht wohl leiden; der Stolz der Mathematiker— vielleicht besser gesagt ihre Strenge — missfiel ihm, und er ver-langte, dass diese Wissenschaft nur eine Magd der Physik sein, nichtaber sich als Herrin derselben geberden sollte.

So ging denn auch vornehmlich von Descartes jene mathema-tische Richtung der Naturphilosophie aus, welche an alle Erschei-