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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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119
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Der Materialismus de) »iebzehntcn Jahrhundsts.

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fternde die Ehrenrettung Epikurs verbunden mit der Erneuerung seinerPhilosophie uls eine Tliat erscheinen, die schon bloss von ihrer nega-tiven Seite, als die vollendete Opposition gegen Aristoteles, sich dengelbstilndigsten Unternehmungen jener Zeit zur Seite setzen darf. Alleinauch diese Betrachtung erschöpft die volle Bedeutung der That Gas-sendis nicht.

GagKcndi traf nicht zufällig oder ans blosser Oppositionssuehtauf Epikur und seine Philosophie. Er war Naturforscher und zwarPhysiker und Empiriker. Nun hatte schon Baco dem Aristotelesgegenüber auf Demokrit hingewiesen als den grössten der alten Phi-losophen. (lassendi, dem eine gründliche philologisch-historische Bil-dung einen Ueberblick über die sltmmtliehen Systeme des Alterthumsgab, griff mit sicherm Blick dasjenige heraus, was gerade der neuenZeit, und zwar der empirischen Kichtung in dieser nenen Zeit, amvollständigsten entsprach.

Bedenklich könnte es freilich erscheinen, den Probst von Digne,den orthodoxen katholischen Geistlichen Gassendi, zum Stammvaterdes neueren Materialismus zu machen; allein Materialismus und Atheis-mus sind ja eben nicht zusammenfallende, wenn auch verwandte Be-griffe; auch Epikur opferte den Göttern. Die Naturforscher dieserZeit hatten durch lilngere Uebnng eine wahn 1 Virtuosität darin erlangt,mit der Theologie sich formell auf gutem Kusse zu erhalten. Des-cartes leitete z. B. seine Theorie von der Entstehung der Welt auskleinen Körperchen mit der Bemerkung ein, dass zwar ganz gewissGott die Welt auf einmal erschaffen habe, dass es aber doch vongrossem Interesse sei, zu sehen, wie die Welt hätte entstehenkönnen, obwohl wir wüssten, dass sie es nicht gethan habe. Ein-mal mitten in der naturwissenschaftlichen Theorie angelangt, stehtdann ausschliesslich jene Entstehungshypothese im Gesichtskreis; siesteht mit allen Thatsachen in bester Harmonie und man vermisstnicht das Geringste. So wird die göttliche Schöpfung zu einer be-deutungslosen Formel der Anerkennung. Ebenso geschieht es mitder Bewegung, w r o Gott die erste Ursache ist, die aber den Natur-forscher gar nicht weiter kümmert. Das Princip der Erhaltung derKraft durch beständige Uebertragung der mechanischen Stossbewegungerhält zu seinem sehr untheologischen Inhalt doch eine theologischeForm. In derselben Weise geht nun auch der Probst Gassendi zuWerke. Mersenne, ein anderer naturforschender Theolog, zugleichein tüchtiger Hebräer, gab damals einen Commentar zur Genesis