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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Dritter Abschnitt.

heraus, in welchem alle Einwürfe der Atheisten und Naturalistenwiderlegt waren; aber so, dass mancher den Kopf dazu schüttelte,und jedenfalls der grösste Fleiss auf die Zusammenstellung, nicht aufdie 'Widerlegung jener Einwürfe verwandt wurde. Mersenne nahmeine vermittelnde Stellung ein zwischen Descartes und Gassen di;mit beiden, wie mit dem Engländer Hobbes befreundet. Dieser warein entschiedener Parteigänger des Königs und der bischöflichen Hoch-kirche und wird nebenbei als Haupt und Stammvater der Atheistenbetrachtet.

Mit der Rettung Epikurs und der Herstellung seiner Lehre durftesiclis Gassendi nicht ganz so bequem machen. Man sieht es seinerVorrede zu dem Buche über Leben und Sitten Epikurs wohl an,dass es gewagter erschien Epikur zu bekennen, als eine neue Kos-mogonie aufzustellen. Dessenungeachtet sind die Rechtfertigungs-gründe seines Schrittes wohlweislich nicht aus der Tiefe geschöpft,sondern nur mit grossem Aufwand von dialectischer Kunst äusserlichzusammen gefügt; ein Verfahren, das der Kirche gegenüber stetsbesser weggekommen ist, als ein tiefsinniger und selbständiger Ver-such der Vermittelung zwischen ihren Lehren und fremden oder feind-lichen Bestandtheilen.

Ist Epikur ein Heide, so war Aristoteles das auch; bekämpftEpikur den Aberglauben und die Religion, so hatte er Recht, denner kannte ja eben die wahre Religion nicht; lehrt er, dass die Götterweder lohnen noch strafen, und verehrt er sie um ihrer Vollkommen-heit willen, so zeigt sich darin der Gedanke der kindlichen Verehrungan der Stelle der knechtischen, also eine reinere, dem Christenthumnäher stehende Auffassung. Epikurs Irrthümer sollen sorgfältig ver-bessert werden; es geschieht aber in jenem cartesianischcn Geiste,den wir eben an der Lehre von der Weltschöpfung und von der Be-wegung kennen lernten. Der unumwundenste Eifer zeigt sich darin,Epikur unter allen Philosophen des Alterthums die grösste Sitten-reinheit zu vindiciren. So wird es denn wohl gerechtfertigt erscheinen,wenn wir Gassendi als den wahren Erneuerer des Materialismusbetrachten, um so mehr, wenn man bedenkt, wie gross der tliat-sächliche Einfluss seines Vorgehens auf die nächstfolgenden Genera-tionen war.

Pierre Gassendi wurde 1592 in der Nähe von Digne in derProvence als Sohn armer Landleute geboren. Er studirte und warbereis mit 16 Jahren Lehrer der Rethorik, 3 Jahre später Professor