Der Materialismus des siebzehnten Jahrhunderts.
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der Philosophie zu Aix. Damals schrieb er schon ein Werk, dasseine Richtung in negativer Hinsicht bezeichnet: die Exercitationesparadoxicae adversus Aristoteleos, ein Werk voll jugendlichen Eifers,einer der schärfsten und übermtithigsten Angriffe gegen die aristote-lische Philosophie. Diese Schrift wurde erst später, 1624 und 1645,theilweise gedruckt, fünf Bücher auf den Rath seiner Freunde ver-brannt. Durch den gelehrten Parlamentsrath Peirescius befördert,wurde Gassendi bald darauf Canonicus, dann Probst zu Digne.
Als im Jahre 1641 Descartes seine meditationes de philosophiaprima herausgab, war Gassendi bereits fest genug in seinen eigenenAnschauungen, um diesem Werk gegenüber eine entschiedene Stellungeinzunehmen. Mit Descartes einig in der Bekämpfung des Aristo-teles, verwandt in der Tendenz mechanischer Welterklärung, fand ersich doch von der metaphysischen Schöpfung desselben keineswegsbefriedigt. Wie Descartes von der Vernunft (wenigstens scheinbar),so ging er von der Erfahrung aus; war jener Mathematiker, so warer Physiker; der Corpusculartheorie Descartes’ gegenüber ergriff erdie Atomistik.
Im Jahre 1643 gab er seine Disquisitiones Anticartesianae her-aus, ein Werk, das mit Recht als Muster einer eben so feinen undhöflichen, als gründlichen und witzigen Polemik bezeichnet wird. WennDescartes damit begann, an allem, selbst an der Wahrheit dessinnlich Gegebenen zu zweifeln, so zeigte Gassendi, dass es schlecht-hin unmöglich sei, eine Abstraction von allem sinnlich Gegebenen inWirklichkeit durchzuführen, dass also auch das C’ogito ergo sumnichts weniger als die höchste und erste Wahrheit sei, aus welchersich alle übrigen ableiten liessen. Bemerkenswerth ist, dass GassendisEinwand, man könne die Existenz ebensowohl aus jeder anderenThätigkeit folgern, z. B. ich gehe spazieren, also bin ich, im Wesent-lichen zusammentrifft mit der Bemerkung Büchners, dass dieser Schlussgenau so viel wertli sei, als wenn man sage: der Hund bellt, alsoist er. Hinsichtlich der Form des Schlusses ist dies unzweifelhaftwahr, allein Descartes leugnet die Gewissheit der Prämisse für alleanderen Fälle mit Ausnahme des Zweifelns, d. h. Denkens. Dererste Eimvand Gassendis ist dagegen allerdings haltbar.
Von einem ernsthaften Zweifel an der Wahrheit des sinnlichGegebenen — etwa im Sinne eines Hume oder Kant — ist auchbei Descartes gar keine Rede; sobald sich Gelegenheit findet, nimmter den ganzen Inhalt unseres sogenannten Bewusstseins mit allen