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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Dritter Abschnitt.

Schulvorartheilen und gedankenlosen Ueberlieferungen einfach in seineSchlusskette hinein. Das Schärfste, was man über das Cogito ergo sumsagen kann, hat übrigens Lichtenberg mit einem einzigen Worte gesagt:Descartes konnte mit Recht nur schliessen: Cogitat — „Es denkt“.

Materialistisch ist besonders folgender Einwand Gassendis gegenDescartes: dass durchaus nicht erhelle, warum die körper-liche und die denkende Substanz bei aller Verschiedenheitihrer Begriffe nicht doch im Wesen dieselben sein sollten.Wenn aber Körper und Seele zwei verschiedene Substanzen seien,so bleibe es völlig unbegreiflich, wie sie auf einander wirken undein Wesen mit einander darstellen möchten.

Bald nach der Veröffentlichung dieses Angriffes auf Descarteswurde Gassendi königlicher Professor der Mathematik zu Paris, woer unter grossem Beifall lehrte, jedoch bald durch ein Brustleiden inseinem Wirken unterbrochen wurde. In diese Zeit fällt seine Thätig-keit für die Philosophie Epikurs und damit zugleich die positive Aus-bildung seiner eigenen Lehren. In derselben Zeit verfasste Gassendiauch ausser mehreren astronomischen Werken eine Reihe gediegenerBiographien, unter denen besonders die des Koperuikus und desTycho Bralie beachtenswerth sind; die Schrift de vita et moribusEpicuri wurde noch zu Digne verfasst. Gassendi ist unter allen her-vorragenden Vertretern des Materialismus der einzige, der mit histo-rischem Sinne begabt ist, und er ist es in eminentem Masse. Auchin seinem syntagma philosophicum behandelt er jeden Gegenstandzuerst historisch nach allen verschiedenen Auffassungsweisen.

Was das Weltgebäude betrifft, so erklärte er das Ptolemäischc,das Kopernikanische und das Tychonische für die Hauptsysteme. Unterdiesen verwirft er das Ptolemäische vollständig, das Kopernikanischeerklärt er für das einfachste und der Wirklichkeit durchaus am bestenentsprechende: allein das System Tyclios müsse man annehmen, weildie Bibel offenbar der Sonne Bewegung zuschreibe. Es eröffnet unseinen Blick in die Zeit, dass der sonst so vorsichtige Gassendi, derin allen anderen Punkten seinen Materialismus im Frieden mit derKirche durchführte, den Kopernikus nicht einmal verwerfen konnte,ohne sich durch seine lobenden Aussprüche den Vorwurf einer ketze-rischen Ansicht vom Weltgebäude zuzuziehen. Baco und Descarteserklärten sich noch hundert Jahre nach Kopernikus mit einer Ent-schiedenheit gegen dessen Ansichten, welche unser höchstes Befrem-den erregen muss.