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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Dritter Abschnitt.

Gott, der die Erde und das Wasser, Pflanzen und Thiere her-vorbringen Hess, schuf eine bestimmte Anzahl von Atomen so, dasssie die Samen aller Dinge bildeten. Hiernach fing erst die Reihevon Erzeugungen und Zerstörungen an, welche noch heute bestehtund auch ferner bestehen wird.

„Die erste Ursache von Allem ist Gott“; allein die ganze Ab-handlung hat es im Verlauf nur mit den secundären Ursachen zuthun, welche zunächst jede einzelne Veränderung hervorbringen. DasPrincip derselben muss aber nothwendig körperlich sein. In denkünstlichen Producten ist freilich das bewegende Princip von demStoff verschieden; in der Natur aber wirkt das Agens innerlich undist nur der thätigste und beweglichste Theil der Materie. Von densichtbaren Körpern wird immer einer vom andern bewegt; das sichselbst bewegende Princip sind die Atome.

Das Fallen der Körper erklärt Gassendi aus der Attraction derErde: diese Attraction kann aber keine actio in distaus sein. Wennnicht etwas von der Erde zu dem Stein hinkäme und ihn ergriffe,würde sich dieser gar nicht um die Erde bekümmern; gerade so,wie auch der Magnet das Eisen wirklich, wenn auch unsichtbar,fassen muss, um es zu sich hinzuziehen. Dass man sich dies nichtganz roh durch ausgeworfene Harpunen oder Häkchen zu denkenhabe, zeigt ein merkwürdiges Bild, dessen sich Gassendi zur Er-klärung dieser Anziehung bedient: ein Knabe, der von einem Apfelangezogen wird, dessen Bild durch die Sinne zu ihm kam. Es ver-dient hier bemerkt zu werden, dass auch Newton, der auf diesemPunkte in Gassendis Fusstapfen ging, keineswegs sein Gesetz derGravitation sich als eine unvermittelte Wirkung in die Ferne dachte.

Das Entstehen und Vergehen der Dinge ist nichts als Verbindungund Trennung der Atome. Wenn ein Stück Holz verbrennt, so habenFlamme, Rauch, Asche u. s. w. den Atomen nach schon vorher existirt,nur in einer anderen Verbindung. Alle Veränderung ist nur Bewegungder Theile eines Dinges, daher das Einfache sich nicht verändern,sondern nur im Raume fortbewegen kann.

Für den Atomismus ist die Frage nach den Qualitäten der Dingebesonders schwierig, und Gassendi hilft sich hier durch ein sinnreichesBeispiel, welches doch im Grunde den Widersprach nur verhüllt undnicht beseitigt. Die Atome haben nur eine gewisse Grösse, Figurund Bewegung. Sowde nun aber mehrere Atome gegeben sind, kommtgleich ein neues Element hinzu: das der Ordnung und der Lage. Wie