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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Dritter Abschnitt.

zu erklären, allein die Sache ist jedenfalls nicht unnatürlicher, als dieverschiedene chemische Wirkung eines und desselben Reagens auf ver-schiedene Lösungen. Gerade in den Berührungspunkten des geistigenLebens beider Nationen wird der Unterschied am deutlichsten. DieAristokraten Englands, welche zur Feder gritfen, waren in dieserUebergangszeit fast alle mehr oder weniger Materialisten. Ein Shaftes-bury, ein Bolingbroke, ein Chesterfield schrieb aber nicht fürdie Massen, sondern für Seinesgleichen. Frankreich hatte keine Männerdieses Schlages. Wie idealistisch und ernsthaft erscheint ihnen gegen-über Montesquieu!- Er hat trotz des persischen Gewandes seinerFiguren weder die Ironie eines Shaftesbury, noch die Frivolität einesBolingbroke, geschweige denn den glatten Egoismus eines Chesterfield.Sein Ziel ist auf Verwirklichung eines Ideals — „auf den Umsturz“nennt man daS oft — mit grösster Anspannung gerichtet; und als eraus England kühler und conservativer zurückkehrte, schuf er eineTheorie, die den Staatsmännern auf lange Zeit hinaus zu denken gab,die aber auf die nächste Gegenwart wenig wirkte. In Frankreichmusste ein Mann aus dem Volke kommen, Voltaire, der bei allerBuhlerei mit Aristokraten und Fürsten doch seiner ganzen Richtungund Wirkung nach Volksmann blieb, der auf die Massen wirkte, 'weiler auf sie wirken wollte. Frankreich stand vor seiner grossen Re-volution, England hatte sie hinter sich. In England gedieh daher, na-mentlich erst recht nach der zweiten Revolution, Alles zum Positiven; inFrankreich wurde von jedem System eigentlich nur der negative Theilwirksam. Populäre Schriftsteller von praktischer Tendenz, wie Voltaire,blieben daher ganz naturgemäss in der Negation stecken; das philo-sophische System, welches dem Frankreich von 1650 bis 1750 ambesten zusagte, war durchaus nicht das materialistische; es war viel-mehr die Skepsis. Schon Montaigne hatte im sechzehnten Jahr-hundert in dieser Richtung gewirkt. Ein Zeitgenosse Gassendis warLa Mothe le Vayer, ein Mitglied des Staatsrathes unter LudwigXIV.,der mit der Skepsis seiner „fünf Dialoge“ gewiss weit mehr Einflussauf die Denkweise der höheren Stände übte, als Gassendi und selbstDescartes. Diese gehörten mehr der Schule an; jener dem Lehen.Den Gipfel des französischen Skepticismus bezeichnet aber PierreBayle (f 1706, erst 32 Jahre alt), dessen grosses historisch-kritischesWörterbuch in alle Bibliotheken vornehmer Familien überging undbei der pikanten und gefälligen, oft skandalsüchtigen, nicht selten pa-radoxen Behandlungsweise wissenschaftlicher Gegenstände den Schwarm