Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
146
JPEG-Download
 

146

Erstes Buch. Dritter Abschnitt.

später Boerhaave von den Niederlanden her. Schon hier zeigt ersich als der Mann von gesundem Menschenverstand, dem Aberglaubenund der Metaphysik gleich abgeneigt. Bald sehen wir ihn auch indie Politik verwickelt, für die er sein ganzes Leben hindurch tliätigblieb. Stand Hobbes auf der Seite des Absolutismus, so gehörte Lockeder liberalen Richtung an; ja man hat ihn vielleicht nicht mit Unrechtals den Vater des neueren Constitutionalismus bezeichnet. Der Grund-satz von der Trennung der gesetzgebenden und der ausübenden Gewalt■welcher gerade während der Lebenszeit Lockes in England sich prak-tische Geltung verschaffte, wurde von ihm zuerst in theoretischerBestimmtheit entwickelt. Mit seinem Freunde und Beschützer LordShaftesbury wurde Locke, nachdem er eine kurze Zeit lang eineStelle im Ministerium des Handels bekleidet hatte, in den Strudel derOpposition fortgerissen. Lange Jahre lebte er auf dem Continent,theils in freiwilliger Verbannung, tlieils geradezu von der Regierungverfolgt. In dieser Schule stählte sich sein Eifer für die Toleranzund die bürgerliche Freiheit. Das Anerbieten mächtiger Freunde, dieihm die Verzeihung des Hofes erwirken wollten, schlug er mit Be-rufung auf seine Schuldlosigkeit aus, und erst die Revolution von1688 gab ihn seinem Vaterlande wieder.

Schon im ersten Beginn seiner politischen Thätigkeit, im Jahre1669, arbeitete Locke eine Constitution für die Provinz Carolina inNord-Amerika aus, die sich jedoch schlecht bewährte und dem späterengereiften Liberalismus Lockes wenig entspricht. Um so vorzüglichersind dagegen seine Abhandlungen über das Münzwesen, welche nichtnur dazu beitrugen, einen thatsächlichen grossen Uebelstand des eng-lischen Staatshaushaltes zu beseitigen, sondern auch für die richtigevolkswirtschaftliche Behandlung des Münzwesens geradezu grundlegendgenannt werden können.

Wir haben hier also wieder einen jener englischen Philosophenvor uns, die, mitten im Leben stehend und mit reicher Weltkenntnissausgerüstet, sich der Lösung abstrakter Fragen zuwandten. Lockeentwarf sein berühmtes Werk über die menschliche Erkenntnissschon im Jahre 1670, und erst zwanzig Jahre später wurde es inseinem vollen Umfange veröffentlicht. Wirkte, auch hierauf die Ab-wesenheit des Verfassers von seinem Vaterlande, so ist es doch keinemZweifel unterworfen, dass Locke sich beständig mit dem einmal er-fassten Gedanken beschäftigte und seinem Werke immer grössere Voll-kommenheit zu geben suchte.