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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Dritter Abschnitt.

äussere und innere Lehre jetzt so gebräuchlich sind als je, obwohldie Unterscheidung nicht so offen und ausdrücklich anerkannt wird,wie bei den Alten. Dies erinnert mich daran, was mir ein naher Ver-wandter von Lord Shaftesbury erzählte. Als der letztere sich einesTages mit Major Wildmann über die mancherlei Religionen in derWelt unterhielt, kamen sie zuletzt zu dem Schluss, dass ungeachtetjener unzähligen, durch das Interesse der Priester und die Unwissen-heit der Völker geschaffenen Theilungen doch alle weisen Männerder nämlichen Religion angehörten. Da that eine Dame, die bis-her mehr auf ihre Handarbeit als auf die Unterhaltung zu achten schien,mit einiger Bekümmernisss die Frage, welche Religion das sei? woraufLord Shaftesbury rasch zur Antwort gab: „Madame, das sagen dieweisen Männer niemals.“ — Toland billigt dies Verfahren, glaubtaber ein unfehlbares Mittel zur Verallgemeinerung der Wahrheit an-geben zu können: „Man lasse jedermann seine Gedanken frei aus-sprechen, ohne dass er jemals gebrandmarkt oder gestraft wird, ausserfür gottlose Handlungen, indem man speculative Ansichten von jedemder will, billigen.oder widerlegen lässt: dann seid ihr sicher die ganzeWahrheit zu hören; bis dann aber nur sehr kümmerlich oder dunkel,wenn überhaupt.“

Toland selbst hat seine ■ esoterische Lehre in dem anonym er-schienenen Pantheistikon („Kosmopolis 1720“) offen genug dargelegt.Er verlangt darin unter gänzlicher Beseitigung der Offenbarungen unddes Volksglaubens eine neue Religion, welche mit der Philosophieübereinstimmt. Sein Gott ist das AU, aus dem Alles geboren wird,und zu dem Alles zurückkehrt. Sein Cultus gilt der Wahrheit,Freiheit und Gesundheit, den drei höchsten Gütern des Weisen.Seine Heiligen und Kirchenväter sind die erhabenen Geister und dievorzüglichsten Schriftsteller aller Zeiten, besonders des classischenAlterthums; aber auch diese bilden keine Autorität, welche den freienGeist des Menschen fesseln dürfte. In der Sokratischen Liturgie ruftder Vorsteher: „Schwöret auf keines Meisters Worte!“ Und die Ant-wort schallt ihm aus der Gemeinde entgegen: „Selbst nicht auf dieWorte des Sokrates.“

Der Materialismus steht dem idealistischen Pantheismus einesSpinoza fern; mit dem realistischen Pantheismus eines Giordano Brunoharmonirt er leicht, und dies ist denn auch der Standpunkt unsresToland. Allerdings kann der Materialismus sich auch mit jeder andernReligionsform verbinden, sobald diese Form offen als Mythus genommen