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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Bach. Dritter Abschnitt.

betrachtung des merkwürdigen Briefes entnehmen, dass Toland diegegenwärtige Welt nicht gleich den Materialisten des Alterthums alsnach unzähligen unvollkommenen Versuchen zufällig geworden be-trachtet, sondern eine grossartige, dem All unabänderlich inwohnendeZweckmässigkeit annimmt.

Toland gehört zu jenen wohlthuenden Erscheinungen, bei denenwir eine bedeutende Persönlichkeit in voller Harmonie aller Seitendes menschlichen Wesens vor uns sehen. Nach einem vielbewegtenLeben genoss er in heiterer Seelenruhe die abgeschiedene Stille desLandlebens. Kaum ein Fünfziger wurde er von einer Krankheit er-griffen, die er mit der Ruhe eines Weisen ertrug. Wenige Tage vorseinem Tode verfasste er seine Grabschrift; er nahm Abschied vonseinen Freunden und entschlummerte in ungetrübtem Frieden desGeistes.

Während in Frankreich durch Montaigne, la Mothe le Vayer undBayle der Skepticismus, in England durch Baco, Hobbes, Locke derMaterialismus und Sensualismus gewissermassen zum Rang einer Na-tionalphilosophie erhoben wurden, blieb Deutschland der Stammsitzpedantischer Scholastik. Die Rohheit des Adels, die schon Erasmusdurch den Spottnamen der „Centauren“ treffend bezeichnete, liess einedurchgebildete Philosophie auf der Grundlage weltmännischer Bildung,wie sie in England eine so grosse Rolle spielte, durchaus nicht auf-kommen. Das unruhig gährende Element, welches in Frankreichimmer schärfer hervortrat, wurde durch das Vorwalten religiöser Ge-sichtspunktevielfach in sonderbar verschlungene, gleichsam unterirdischeBahnen gelenkt, und die confessionelle Spaltung verzehrte die bestenKräfte der Nation in endlosen Kämpfen ohne irgend ein sichtbaresResultat. Auf den Universitäten nahm ein immer roheres GeschlechtCatheder und Bänke ein. Melanchthons Reaction für den geläutertenAristoteles führte unter diesen Epigonen zu einer Intoleranz, die andie finstersten Zeiten des Mittelalters erinnerte. Die Philosophie Des-cartes’ fand fast nur in dem kleinen Duisburg, das einen Hauchniederländischer Geistesfreiheit genoss und von Preussens aufgeklärtemHerrscherhause geschirmt wurde, eine sichere Pflegestätte; und selbstjene zweideutige Art bestreitender Vertheidigung, deren Bedeutung wirmehrfach kennen gelernt haben, fand noch gegen Ende des siebzehn-ten Jahrhunderts Anwendung auf die cartesische Lehre. Vielleichtverbreitete sie sich deshalb nur um so gründlicher; wie denn über-haupt neben der Vorliebe für das Ausländische, die Hettner