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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Vierter Abschnitt.

rüchtigten Ecraser l’infame ein grosser Freund einer geläutertenTeleologie ist, und dass er es mit dem Dasein Gottes vielleicht ernst-hafter nimmt, als irgend einer der englischen Deisten. Ihm ist Gottein überlegender Künstler, der die Welt nach Gründen weiser Zweck-mässigkeit geschaffen hat. Ging Voltaire auch später entschieden zueiner finstern, das Uebel in der Welt mit Vorliebe darstellenden An-schauung über, so lag ihm doch nichts ferner, als die Annahme blindwaltender Naturgesetze.

Voltaire wollte nicht Materialist sein. Es gährt offenbar in ihmein roher, unbewusster Anfang des Kant’scheu Standpunktes, wenn erwiederholt auf das Thema zurückkommt, welches die bekannten Worteam schärfsten ausdrücken: „Wenn kein Gott da wäre, so müsste maneinen erfinden.“ Wir finden die Gottesidee in uns als Grundlage dessittlichen Handelns, lehrt Kant. Voltaire meint, wenn man Bayle, dereinen atheistischen Staat für möglich hielt, fünf- bis sechshundertBauern zu regieren gäbe, so würde er alsbald die Lehre von dergöttlichen Vergeltung predigen lassen. Man kann diesen Ausdruckseiner Frivolität entkleiden und man wird Voltaires wirkliche Ansichtdarin finden, dass der Gottesbegriff für die Erhaltung der Tugendund Gerechtigkeit unentbehrlich sei.

Ungleich idealistischer ist freilich Rousseau, der in seinem Streitmit den Holbachianern geradezu als Fanatiker gegen den Materialis-mus auftrat, und der doch in der Literatur des Umsturzes eine sohervorragende Rolle spielt. Auch Voltaire nahm später gegen dasSysteme de la nature Partei, ohne sich jedoch jemals bis zu intole-rantem Eifer fortreissen zu lassen. Auch in der Anthropologie warVoltaire im Grunde niemals entschiedener Materialist — wenigstensnicht auf die Dauer. Als er aber noch als junger Mann in Englandlebte, ergriff er die Ansichten der Deisten und vor Allen auch Lockesmit grösster Begier als Werkzeuge zur Zerstörung des Kirchenglaubens.Hier fand sich denn bald ein Punkt, in welchem er über seine Lehr-meister hinausging.

Locke nämlich, der sich nur an die Thatsache hält, dass dasganze geistige Leben der Menschen aus der Tliätigkeit der Sinnefliesse, lässt es doch dahin gestellt, ob es nun die Materie Sei, welchedas von den Sinnen zugeführte Material aufnehme, und also denkeoder nicht; er nimmt sogar eine materielle Seele an, aber als tabularasa. Gegen diejenigen aber, welche beständig darauf fussten, dassdas Wesen der Materie, als das der Ausdehnung, dem Wesen des