Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
166
JPEG-Download
 

166

Erstes Buch. Vierter Abschnitt.

haben weder grosse sinnliche Energie noch verführerischen Schwungund scheinen fast in pedantischer Befolgung eines einmal ergriffenenGrundsatzes künstlich gemacht. Anderseits sind seine ernsthaften Aus-führungen naturphilosophischer Art durchaus nicht so frivol und ober-flächlich, als man gemeiniglich ohne ihnen einen Blick zu gönnenannimmt, und um das Studium der Medicin hat sich De la Mettriewirkliche Verdienste erworben. Friedrich der Grosse schreibt ihm,gewiss nicht ohne allen Grund, eine unerschütterliche natürliche Heiter-keit und Gefälligkeit zu und rühmt ihn als eine reine Seele und einenehrenhaften Charakter. Bei alledem wird jedoch der Vorwurf derLeichtfertigkeit zum mindesten an diesem Charakter haften bleiben.Als Freund mag er gefällig und aufopfernd gewesen sein; als Feindwar er, wie es besonders Albrecht von Haller erfahren musste, bos-haft und niedrig in der Wahl seiner Mittel.

Julien Offray de la Mettrie wurde geboren zu St. Malo, den25. December 1709. Sein Vater betrieb ein Handelsgeschäft, das ihnin den Stand setzte, seinem Sohne eine gute Erziehung zu geben.Als dieser seine academischen Vorstudien absolvirte, zeichnete ersich so aus, dass er sämmtliche Preise erhielt. Seine Gaben warenvorzüglich rhetorischer und poetischer Natur. Er liebte die schöneLiteratur leidenschaftlich; allein sein Vater bedachte, dass ein Geist-licher besser zu leben habe als ein Dichter, und bestimmte ihn fürden Dienst der Kirche. Er wurde nach Paris geschickt, wo er untereinem Jansenistischen Professor die Logik studirte, und in die An-sichten dieses Lehrers arbeitete er sich so hinein, dass er selbst eifrigerJansenist wurde. Er soll sogar ein Buch geschrieben haben, welchesden Beifall dieser Partei davontrug. Ob er auch die schwärmerischeSittenstrenge und Neigung zu pietistischen Bussübungen, durch welchedie Jansenisten sich auszeichneten, sich angeeignet habe, wird unsnicht überliefert. Jedenfalls kann diese Richtung bei ihm nicht vongrosser Dauer gewesen sein..

Bei einem Aufenthalte in seiner Vaterstadt St. Malo machte eindortiger Arzt ihm Neigung zum Studium der Medicin und es gelang,dem Vater beizubringen, „dass ein gutes Recept noch mehr eintrügeals eine Absolution.“ Mit grossem Eifer warf der junge De la Mettriesich auf die Physik und die Anatomie, promovirte in Rheims undlebte eine Zeit lang als praktischer Arzt, bis er sich im Jahre 1733,gelockt durch den Ruf des grossen Boerhaave, zu erneutem Studium,nach Leyden begab.