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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Vierter Abschnitt.

ganzen Thier. Ob die Seele nur einen Punkt einnimmt, oder einenBezirk, wissen wir nicht, da aber nicht alle Nerven im Gehirn zu-sammenlaufen, so ist ersteres unwahrscheinlich. Alle Kenntnisse sindin der Seele nur in dem Augenblick, in welchem dieselbe von ihnenafficirt ist: alle Aufbewahrung derselben ist auf organische Zu-stände zurückzufUhren.

So führt die Naturgeschichte der Seele, von den gewöhnlichenBegriffen ausgehend, allmählig zum Materialismus hin, und endlichnach einer Reihe von Kapiteln wird geschlossen, dass also das,was empfindet, auch materiell sein muss. Wie dies zugeht,weiss De la Mettrie auch nicht; allein warum soll man (nach Locke)die Allmacht des Schöpfers wegen unsrer Unwissenheit beschränken?Gedächtniss, Einbildungskraft, Leidenschaften u. s. w. werden sodanndurchaus materialistisch erklärt.

Der bedeutend kürzere Abschnitt von der vernünftigen Seele be-handelt die Freiheit, die Reflexion, die Urtheilskraft u. s. w. in der-selben zum Materialismus möglichst hinleitenden aber keineswegs ent-scheidenden Weise, bis schliesslich ein Kapitel folgt, welches über-schrieben ist: „Dass der religiöse Glaube allein uns in der Annahmeder vernünftigen Seele bestäx-ken kann.“ Allein gerade dieses Kapitelmacht sich zur Aufgabe, zu zeigen, wie man in der Metaphysik undin der Religion dazu kam, eine Seele anzunehmen, und schliesstdamit, dass die wahre Philosophie frei bekenne, dass das unvergleich-liche Wesen, welches man mit dem schönen Namen Seele schmückt,ihr unbekannt sei. Hierbei wird auch Voltaires Wort erwähnt, „Ichbin Körper, und ich denke; mehr weiss ich nicht“: ein Zeichen, dassdiese Schrift auf De la Mettrie gewirkt hatte.

Nicht ohne Interesse ist das letzte Kapitel, welches die Ueber-schrift trägt: „Geschichten, welche bestätigen, dass alle Vorstellungenvon den Sinnen stammen“. Der Taubstumme von Chartres, derplötzlich das Gehör wieder erhielt und reden lernte, und der dannsich ohne jegliche religiöse Vorstellung zeigte, obwohl er von Jugendauf zu allen religiösen Ceremonien und Geberden abgerichtet war;der Blindgeborne von Cheselden, der nach der Operation zuerst nurein buntes Licht sah, ohne eine Kugel von einem Würfel unterscheidenzu können; Ammans Methode des Taubstummen-Unterrichtes werdenvorgefühi-t und nicht ohne Sorgfalt und Umsicht besprochen. Kritik-los, wie man damals pflegte, trägt er dagegen eine Reihj Geschichtenverwilderter Menschen vor und schildert den Orang-Utang nach sehr