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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Vierter Abschnitt.

tionelles Verfahren. Er wusste, dass es einen Kampf kostete, denGrundsätzen eines Sydenham und Boerhaave in Frankreich Eingangzu verschaffen. Warum unternahm er diesen Kampf, statt sich indas Vertrauen der herrschenden Autoritäten einzuschleichen? War esnur sein händelsüchtiges Naturell, was ihn dazu trieb? Warum dannneben der Satyre die mühsame und zeitraubende Arbeit der Ueber-setzungen und Auszüge? Geld konnte ein so geschickter und gewandterMann in der ärztlichen Praxis ohne Zweifel besser und leichter verdienen.Oder wollte La Mettrie vielleicht auch durch seine medicinischen Schrif-ten sein Gewissen betäuben? Der ganze Gedanke einer persönlichenRechtfertigung liegt dem Wesen De la Mettries so fern, wie möglich.Vor wem sollte er sich denn auch rechtfertigen? Vor dem Volk, daser, wie die meisten jener französischen Philosophen für eine gleich-gültige Masse ansah, die für den freien Gedanken noch nicht reif ist?Vor einer Umgebung, in welcher er mit seltenen Ausnahmen nur Leutefand, welche die Ausschweifungen der Sinnlichkeit ebensosehr liebtenals er und sich nur hüteten Bücher darüber zu schreiben? Oderendlich gar vor sich selbst? In seiner ganzen Schriftstellerei zeigtsich nur heitere Zufriedenheit und Selbstgenügsamkeit ohne eine Sinn-voll der Dialektik der Leidenschaften, die sich in einem zerrissenenHerzen entwickelt. Man mag De la Mettrie schamlos und leichtfertignennen, so sind das erhebliche Vorwürfe, aber sie entscheiden nichtim mindesten über die ganze Bedeutung der Person. Es sind unsvon ihm keine besonderen Schlechtigkeiten bekannt. Er hat wederseine Kinder ins FinÄelhaus geschickt, wie Rousseau, noch zweiBräute betrogen, wie Swift; er ist weder der Bestechung für schuldigerklärt, wie Baco, noch ruht der Verdacht der Urkundenfälschung aufihm, wie auf Voltaire. In seinen Schriften wird allerdings das Ver-brechen wie eine Krankheit entschuldigt, aber nirgendwo wird es,wie in Mandevilles berüchtigter Bienenfabel empfohlen. Mit vollemRecht kämpft De la Mettrie gegen die gefühllose Rohheit der Rechts-pflege, und wenn er den Arzt an die Stelle des Thedlogen und desRichters setzen will, so kann man darin einen Irrthum finden, aberkeine Beschönigung des Verbrechens; denn Niemand findet die Krank-heit schön. Es ist in der Tliat zu verwundern, dass bei dem un-geheuren Ingrimm, der sich allenthalben gegen De la Mettrie erhob,nicht einmal eine einzige positive Beschuldigung gegen sein Lebenist vorgebracht worden. Alle Declamationen über die Schlechtigkeitdieses Menschen, den auch wir freilich nicht den Besten zugesellen