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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Vierter Abschnitt.

namentlich auch Voltaire zu heftigen Angriffen gegen das System derNatur veranlasste. —

Die Natur ist das grosse Ganze, dessen Theil der Mensch ist,und unter dessen Einflüssen er steht. Wesen, die man jenseitsder Natur setzt, sind jederzeit Geschöpfe der Einbildungs-kraft, von deren Wesen wir uns ebensowenig eine Vorstellung machenkönnen, als von ihrem Aufenthaltsort und ihrer Handlungsweise. Esgiebt nichts und kann nichts geben jenseit des Kreises, der alleWesen einschliesst. Der Mensch ist ein physisches Wesen und seinemoralische Existenz ist nur eine besondere Seite der phy-sischen, ein gewisser, aus seiner eigenthümlichen Organisation ab-geleiteter Modus des Handelns.

Alles, was der menschliche Geist zur Verbesserung unserer Lageersonnen hat, war nur eine Folge der Wechselwirkung zwischen denin ihn gelegten Trieben und der umgebenden Natur. Auch das Thierschreitet von einfachen Bedürfnissen und Formen zu immer zusammen-gesetzteren fort; ähnlich die Pflanze. Unmerklich wächst die Aloedurch eine Reihe von Jahren, bis sie endlich die Blüthen treibt, welcheein Vorbote ihres nahen Todes sind. Der Mensch als physischesWesen handelt nach wahrnehmbaren sinnlichen Einflüssen; als mo-ralisches Wesen nach Einflüssen, welche unsre Vorurtheile uns nichterkennen lassen. Bildung ist Entwickelung; wie denn schon Cicerosagt: „Est autem virtus nihil aliud quam in se perfecta et ad summumperducta natura“. An all unsern ungenügenden Begriffen ist Mangelan Erfahrung schuld und jeder Irrthum ist mit Schaden verknüpft.Aus Mangel an Kenntniss der Natur hat der Mensch sich Gottheitengebildet, die alleiniger Gegenstand seiner Hoffnungen und Befürch-tungen wurden, ohne zu bedenken, dass die Natur weder Hass nochLiebe kennt und fort und fort, bald Wohl bald Wehe bereitend, nachunwandelbaren Gesetzen wirkt. Die Welt zeigt uns allenthalben Nichtsals Materie und Bewegung. Sie ist eine unendliche Kette von Ursachenund Wirkungen; die mannichfaltigsten Stoffe stehen in beständigerWechselwirkung, und ihre verschiedenen Eigenschaften und Zusammen-setzungen bilden für uns das Wesen der Einzeldinge. Die Natur imweiteren Sinne ist also die Zusammenfassung der verschiedenen Stoffein allen Einzeldingen überhaupt; im engeren Sinne ist die Natur einesDinges die Zusammenfassung seiner Eigenschaften und Wirkungsformen.Wenn daher gesagt wird, die Natur bringe eine Wirkung hervor, sosoll damit nicht die Natur als Abstractum personificirt werden, sondern