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Erstes Buch. Vierter Abschnitt.
Moralphilosophie, welche lins bis jetzt noch fehlt, und deren Ausbildungwir wünschen müssen, auch wenn wir nicht beabsichtigen, auf demStandpunkt des Materialismus stehen zu bleiben. Es handelt sichdarum, das Princip zu finden, welches über den Egoismus hinausführ't.Allerdings reicht das Mitleid hiezu nicht aus; nimmt man aber dieMitfreude hinzu, erweitert man seinen Gesichtskreis so weit, dass mandie ganze natürliche Theilnahme in Betracht zieht, welche der feinerorganisirte Mensch für die Wesen empfindet, deren Gleichartigkeitoder Aehnlichkeit mit sich selbst er erkennt: dann ist schon eineGrundlage da, auf welcher sich allenfalls annähernd beweisen Hesse,dass auch die Tugenden allmählig durch die Augen und Ohren inden Menschen hineinkommen. Ohne mit Kaut den grossen Schritt zuwagen, welcher das ganze Verhältniss der Erfahrung zum Menschenund seinen Begriffen umkehrt, könnte, man doch auch jener Ethikeine tiefe Begründung leihen, indem man ausführte, wie durch denRapport der Sinne sich allmählig im Lauf der Jahrtausende eine Ge-meinsamkeit des Menschengeschlechtes in allen Interessen herstellt,welche darauf beruht, dass jeder Einzelne die Schicksale des Ganzenin der Harmonie oder Disharmonie seiner eignen Empfindungen undVorstellungen mit durchlebt.
Statt diesen natürlichen Gedankengang zu verfolgen, geht Holbachvielmehr nach einigen stark an llelvetius erinnernden Ausführungenüber das Wesen des Geistes (esprit) und der Phantasie (imagination)dazu über, die Moral aus dem rein verstandesmässigen Erkennen derMittel zur Glückseligkeit abzuleiten — ein Verfahren, in dem sichwieder der ganze unhistorische und Abstractionen zugewandte Sinndes vorigen Jahrhunderts spiegelt.
Die politischen Stellen des Werkes, das uns beschäftigt, sindohne Zweifel bedeutender, als man gewöhnlich annehmen mag. Sietragen einen so entschiedenen Charakter einer festen, in sich ge-schlossenen und durchaus radicalen Doctrin; sie bergen, oft unterdem Schein grossartiger Objectivität oder philosophischer Resignation,einen so verbissenen Groll gegen das Bestehende, dass sie gewisstiefer wirken mussten, als lange Tiraden einer geistreichen und auf-geregten Rhetorik. Man würde sie ohne Zweifel mehr beachtet haben,wenn sie nicht kurz und vereinzelt wären.
„Da die Regierung ihre Gewalt nur von der Gesellschaft hat,und nur zu ihrem Wohle errichtet ist, so versteht es sich von selbst,dass diese, wenn es ihr Interesse fordert, ihre Vollmacht zurücknehmen,