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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

um Kant selbst handelt. Hat es doch die Vereinigung- von bureaukrati-scliem Fanatismus mit philosophischer Impotenz zu Wege gebracht, dassKants Freiheitslehre sogar in der gerichtlichen Psychologie miss-braucht wurde; einer Wissenschaft, die zum Mordinstrument des juristi-schen Pfaffenthums wird, sobald sie den Boden der strengsten Empirieverlässt! Was dagegen das metaphysische Dogma von der absolutenObjectivität der Sinnenwelt anbelangt, so werden sich die Ideen diesemgegenüber wohl leicht in ihrer eigenthtimliehen Stellung behauptenkönnen.

Vernunft, die Mutter der Ideen, ist nach Kants Auffassung'aufdas Ganze aller möglichen Erfahrung gerichtet, während der Verstandsich mit dem Einzelnen beschäftigt. Die Vernunft findet in keinerReihe von Erkenntnissen Befriedigung, so lange sie nicht die Totalitäterfasst hat. Vernunft ist also systematisch, wie der Verstand empirischist. Die Ideen der Seele, der Welt und Gottes sind nur der Ausdruckdieser in unserer vernünftigen Organisation liegenden Einheitsbestre-bungen. Schreiben wir ihnen eine objective Existenz ausser uns zu, sostürzen wir uns in das uferlose Meer der metaphysischen Irrthiimer.Halten wir sie aber als unsere Ideen in Ehren, so erfüllen wir nureine unabweisbare Forderung unserer Vernunft, Die Ideen dienen nicht,unsere Erkenntniss zu erweitern, wohl aber die Behauptungen desMaterialismus aufzuheben und dadurch der Moralphilosophie,die Kant für den wichtigsten Theil der Philosophie hält, Raumzu schaffen.

Was die Ideen dem Materialismus gegenüber berechtigt, ist alsonicht sowohl ihr Anspruch auf eine höhere, sei es bewiesene, sei es offen-barte und unbeweisbare Wahrheit, sondern eben das Gegentheil davon:der volle, rückhaltlose Verzicht auf jede theoretische Gel-tung im Gebiete des auf die Aussenwelt gerichteten Erken-nens. Von Hirngespinnsten unterscheiden sich die Ideen zunächstdadurch, dass sie nicht etwa vorübergehend in einem einzelnen Menschenauftauchen, sondern dass sie in der Naturanlage des menschlichen Geistesbegründet sind, und dass sie einen Nutzen haben, welcher gewöhnlichenHirngespinnsten nicht zuzuschreiben ist. So kann die Kritik den Ideennichts anhaben, während sie jede dogmatische Metaphysik, und also auchden dogmatischen Materialismus, beseitigt. Wäre der Beweis zwingend,dass die Ideen in der Zahl und Form, wie Kant sie deducirt, in einerganz nothwendigen Weise aus unserer Naturanlage hervorgingen, sowürde ihnen allerdings ein unerschütterliches Recht zur Seite stehen.