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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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273
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Die neuere Philosophie.

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Könnte diese unsere Naturanlage durch reine Vernunft, ohne alle Er-fahrung gefunden werden, so läge sogar in der Entwickelung derselbengewiss ein wesentlicher Zweig der Wissenschaft. Denken wir uns, umdies klar zu machen, einen Menschen, der ein Kaleidoskop für ein Fern-rohr hält. Er glaubt höchst merkwürdige Gegenstände ausserhalb wahr-zunehmen und widmet ihrer Betrachtung allen Fleiss. Er soll nun ineinen engen Kaum eingeschlossen sein. Nach der einen Seite hat er einFensterchen, welches ihm einen beschränkten und getrübten Blick nachAussen eröffnet; nach einer andern Seite ist das Rohr, mit welchem erin die Ferne zu sehen glaubt, fest in die Wand eingeschlossen. DiesenAusblick liebt er ganz besonders. Er reizt ihn mehr als das Fensterchen;unablässig sucht er auf diesem W T ege seine Erkenntuiss von einer wunder-baren Ferne zu vervollkommnen. Das ist der Metaphysiker, der dasenge Fenster der Erfahrung verschmäht und sich von dem Kaleidoskopseiner Ideenwelt täuschen lässt. Wenn er nun aber diese Täuschung be-merkt; wenn er das Wesen des Kaleidoskops erräth, so würde es für ihn,trotz der argen Enttäuschung, immer noch ein Gegenstand der Wissbe-gierde sein können. Erfragt jetzt nicht mehr: was sind, was bedeuten diewunderbaren Bilder, die ich dort in der Ferne sehe, sondern: welcheEinrichtung des Rohres mag sie hervorrufen ? So könnte darin eineQuelle der Erkenntniss liegen, welche vielleicht eben so wichtig wäre,als der Ausblick durch das Fensterchen.

Unsere Leser werden schon bemerken, dass hier dasselbe grosse Be-denken bleibt, welches wir auch gegen die Categorien geltend machten.Es ist zuzugeben, dass in unserer Vernunft solche Naturanlagen liegenkönnen, welche uns mit Nothwendigkeit Ideen vorspiegeln, die mit derErfahrurig nichts zu tlnin haben. Es ist zuzugeben, dass solche Ideen,wenn wir uns von dem täuschenden Schein einer äusseren Erkenntnissbefreit haben, immer noch, selbst in theoretischer Hinsicht, ein höchstwerthvolles Besitzthum unseres Geistes sein können; allein wir habenkein Mittel, sie aus einem Princip mit Sicherheit herzuleiten. Wir be-finden uns hier ganz einfach auf dem Boden der Psychologie — so-fern nämlich eine solche Wissenschaft als schon bestehend bezeichnetwerden darf — und nur die allgemeine Methode wissenschaftlicher Spe-cialforschung kann uns zu einer Erkenntniss solcher Naturanlagen führen,wenn diese überhaupt möglich ist.

Sollen wir auch hier, gleichsam zur Illustration unserer Kritik, Ver-muthungen aussprechen, so dürfte es sich so verhalten, dass dieselbenAnlagen, welche den Categorien des Verstandes und der Sinne zu Grunde

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