Die neuere Philosophie.
311
Natur; dass jener andre Imperativ aber, den wir den Feuerbach-schen nennen wollen, dem Menschen keineswegs nothwendig ein-wohne; vielmehr auf subjectiver Willkür beruhe. Hier hat nundie Gegenpartei ein nicht ungünstiges Spiel. Es ist leicht zu zeigen,dass das Sittengesetz sich culturgeschichtlich langsam herausbildet,und dass es seinen Character der Nothwendigkeit und imbedingtenGültigkeit erst dann haben kann, wenn es überhaupt im Bewusstseinvorhanden ist. Wenn nun eine fernere culturhistorische Entwicklungjetzt den Satz der Befriedigung mit dieser Welt als Grundlage desmoralischen Bewusstseins hervortreten lässt, so wird Niemand etwasdagegen haben können. Es muss sich zeigen!
Aber freilich muss es sich zeigen, und hier kommt diegrössere Schwierigkeit. Kant hat dies für sich, dass in jedem geistigentwickelten Individuum das Sittengesetz zum Bewusstsein kommt.Der Inhalt desselben kann in manchen Stücken höchst verschiedensein; aber die Form ist da. Die Thatsächlichkeit der inneren Stimmesteht fest. Man kann an ihrer Allgemeinheit mäkeln; man kann sieumgekehrt auf die höheren Thiere ausdehnen: das ändert an derHauptsache durchaus nichts. Für den Feuerbachschen Imperativ aberist noch der Beweis beizubringen, dass man sich wirklich mit derErscheinungswelt und mit ihrer sinnlichen Auffassung begnügen kann.Ist dieser Beweis erbracht, so wollen wir einstweilen gern glauben,dass sich darauf auch ein ethisches System bauen lässt; denn waslässt sich nicht alles bauen?
Wie Kants System in Widerspruch mit der verstandesmässigenErkenntniss gestanden hätte, wenn dieser Widerspruch nicht von Hausaus wäre berücksichtigt worden; so steht das System des Begniigensanscheinend im Widerspruch mit den Einheitsbestrebungen der Ver-nunft; mit Kunst, Poesie und Religion, in welchen allen der Triebliegt, sich über die Grenzen der Erfahrung hinauszuschwingen. Esbleibt der Versuch, diese Widersprüche zu beseitigen.
Sonach wäre der naive Materialismus in der Gegenwart über- _haupt nicht wieder in systematischer Form aufgetaucht; wie er dennüberhaupt nach Kant nicht wohl wieder auftauchen kann. Der un-bedingte Glaube an die Atome ist so gut geschwunden, wie andreDogmen. Man nimmt nicht mehr an, dass die Welt absolut so be-schaffen ist, wie wir sie mit Ohr und Auge wahrnehmen; aber manhält sich daran, dass wir mit der Welt an sich nichts zu schaffenhaben.