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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

wenn er seine Anschauungen fast durchgehends in hypothetische Formbringt. Er hat genug von Kant mit bekommen, um das Misslichemetaphysischer Dogmen zu kennen. Ueberliaupt steht sein Systemzu Kant, den er vorzüglich bekämpft, in einem Wechselverhältniss,welches eben so viel Analogieen als Gegensätze darbietet. Geradeeine Betrachtung Czolbes muss uns daher die im vorigen Capitelgewonnenen Resultate um Vieles klarer machen.

Czolbe ist der Ansicht, dass trotz des leidenschaftlichen Streitesfür und wider den Materialismus noch nichts geschehen sei, um dieseAuffassungsweise der Dinge in ein genügendes System zu bringen.„Was in neuester Zeit Feuerbach, Vogt, Moleschott u. A. dafür ge-than haben, sind nur anregende fragmentarische Behauptungen, diebei tieferem Eingehen in die Sache unbefriedigt lassen. Da sie dieErklärbarkeit aller Dinge auf rein natürliche Weise nur allgemeinbehaupten, aber nicht einmal versucht haben, sie specieller nachzu-weisen, befinden sie sich im Grunde noch gänzlich auf dem Bodender von ihnen angefeindeten Religion und speculativen Philosophie.“Wir werden hinlänglich sehen, dass auch Czolbe diesen Boden nichtverlässt.

Czolbe giebt zu, dass das Princip seines Sensualismus, die Aus-schliessung des Uebersinnlichen, ein Vorurtheil, oder eine vorgefassteMeinung genannt werden könne. „Allein ohne solch ein Vorurtheilist die Bildung einer Ansicht über den Zusammenhang der Erschei-nungen überhaupt unmöglich.“ Neben der inneren und äusseren Er-fahrung hält er die Hypothesen für ein nothwendiges Element zurBildung einer Weltauffassung.

Nun, Vorurtheil oder Orakelspruch, Hypothese oder Dichtungwird wohl noch zu entscheiden sein. Wenn aber die Hypothese nichtnur im Verlauf der Philosophie sich finden muss, sondern in demschlichten Gewände eines „Vorurtheils“ uns bereits auf der Schwelleempfängt, so werden wir wohl fragen müssen, was denn die Wahldieser oder jener ursprünglichen Hypothese bestimmt. Czolbe hatauf diese Frage zwei sehr verschiedne Antworten; nach der einenist er durch Inductionen dazu gekommen; nach der andern bildetdie Moral, wie bei Kant, die Grundlage der ganzen positiven Philo-sophie, da auf dem Wege des exacten Verstandesgebrauches nichtsdergleichen, wie ein metaphysisches Princip, zu gewinnen ist. BeideAntworten dürften in ihrer Weise richtig sein. Czolbe sieht, wieBaco einen Fortschritt in der Philosophie durch Ausschliessung des