Die neuere Philosophie.
317
(las Maasshalten ein wesentliches Merkmal der griechischen Kunstwerkewar, unser Streben auch in dieser Beziehung der Aesthetik entspricht.Das welthistorische Ideal jedes derartigen Suchens.aber hat der ersteAnreger des heutigen Materialismus, David Strauss, ... mit freudigerZuversicht bezeichnet.“
Hier sehen wir auch, wie Strauss zu der Ehre kommt, als Vaterdes heutigen Materialismus genannt zu werden; denn für Czolbe istin der That der ganze Materialismus aus jenem sittlich-ästhetischenKeime entsprossen. Czolbe’s ganze Natur ist im Grunde dem Idealenzugewandt und seine ganze geistige Entwicklung führt ihn immer ent-schiedener dieser Richtung zu. Dieser raubt aber seiner Darstellung desSensualismus keineswegs das Interesse, welches sie uns ihrer eigen-thtimlichen Ausbildung wegen gewährt. Hören wir deshalb noch eineandere Stelle!
„Die aus der Unzufriedenheit mit dem irdischen Leben entsprin-genden sogenannten moralischen Bedürfnisse dürfte man ebenso richtigunmoralische nennen. Es ist eben kein Beweis von Demuth, sondernvon Anmassung und Eitelkeit, die erkennbare Welt durch Erfindungeiner übersinnlichen verbessern und den Menschen durch Beilegungeines übersinnlichen Theiles zu einem über die Natur erhabenen Wesenmachen zu wollen. Ja gewiss — die Unzufriedenheit mit der Weltder Erscheinungen, der tiefste Grund der übersinnlichen Auffassungenist kein moralischer, sondern eine moralische Schwäche! Da, wie dieBewegung einer Maschine den geringsten Kraftaufwand verlangt, wennman genau den richtigen Angriffspunkt trifft, auch die systematischeEntwickelung richtiger Grundgedanken oft viel weniger Scharfsinnfordert, als diejenige falscher —- so macht der Sensualismus nichtAnspruch auf grössere Schaffsinnigkeit, wohl aber auf tie-fere, ächtere Sittlichkeit.“
Gzolbe harmonirt aber nicht nur darin mit Kant, dass er seinepositiven Lehren auf ein sittliches Princip basirt, sondern er theiltauch die negative Seite des Kriticismus, indem er einen strengen Ver-standesbeweis für irgend ein metaphysisches System für unmöglichhält. Seine Vernunftkritik ist ausserordentlich einfach; man würde sieohne den eigenthümlichen Zusammenhang mit dem dargelegten sitt-lichen Grundprincip für einen blossen Anflug von Skepticismus an-sehen; allein eben in dem eigenthümlichen Zusammenhang von Skepsis,Moral und philosophischer Dogmatik ist die Analogie mit Kant unver-kennbar.