Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
318
JPEG-Download
 

318

Zweites Buch., Erster Abschnitt.

Wie Kant darauf hinweist, dass die Metaphysik bisher zu keinembestimmten Gang habe kommen können, so hebt auch Czolbe hervor,dass mit der Annahme der übersinnlichen Existenzen seit Jahrtausen-den kein Fortschritt der Erkenntniss errungen sei. Dann bekämpfter den Begriff der „Möglichkeit“, der in der Wissenschaft eine Rollespiele, die ihm gar nicht zukomme, „indem auch in den sinnlosestenAnsichten ein logischer Widerspruch selten stattfindet.“ Wir sehendavon ab, dass dieser Satz wohl eher umzukehren wäre, da nachunserer Ansicht auch in den sinnreichsten metaphysischen Systemenlogische Elementarschnitzer nicht zu fehlen pflegen. Zur Begründungdes Zweifels an der Zulänglichkeit der blossen Logik in Sachen derMetaphysik kommt beides auf dasselbe hinaus. So wollen wir auchmit Czolbe darüber hier nicht lange rechten, dass er die Uebersinn-liches annehmenden Systeme der Religion und speculativen Philosophieeben jener Hinterthür der Möglichkeit wegen für unwiderlegbar hält.Unserer Ansicht nach sind sie deshalb unwiderleglich, weil der Menschseiner Natur nach Unsinn schluckt wie Wasser; ganz abgesehen davon,dass jene Systeme oft vielmehr dem edelsten Wein vergleichbar sind,der Herz und Gernüth erfreut und zu hohen Dingen begeistert. Diesbeiläufig; nun noch eine Aeusserung Czolbe’s!

„Dass eine solche Widerlegung nicht ausführbar ist, hat auch diewesentliche Erfolglosigkeit der bekannten Bestrebungen von Strauss,Bruno Bauer, Feuerbach, Vogt, Moleschott u. A. bewiesen.Indem sich diese Schriftsteller aber das gewiss nicht gering anzu-schlagende Verdienst erwarben, Unbefriedigtheit, Zweifel und Wider-willen in Bezug auf das Uebersinnliche allgemein zu verbreiten, ent-stand unter den Gebildeten notlnvendig das Bedürfniss nachetwas Neuem. Es liegt auf der Hand, dass die heute so ungemeinumfangreiche naturwissenschaftliche Literatur in mehr oder wenigerpopulärer Form die nothwendige Consequenz sein musste. Da es aberein unabweisliches Bedürfniss des Menschen ist, sein fragmentarischesWissen durch eine allgemeine Weltauffassung in einen inneren Zu-sammenhang zu bringen, so dürfte die letzte nothwendige Folgeein System des Naturalismus sein.“

Hier hätten wir also auch die Einheitsbestrebungen der Vernunftgebührend berücksichtigt! Es wird sich nur fragen, was der Mate-rialismus in dieser Beziehung leisten kann, und ob er überhaupt,selbst auf der Basis des sittlichen Bedürfnisses, fernerhin möglichist. Hier hat Czolbe eine ungleich schwierigere Aufgabe als Kant.