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Zweites Buch. Erster Abschnitt.
pfunden und er hat mit ihr in einer Weise gerungen, welche unszuweilen schier verzweifelt bedünken will. Er sah sich dabei nichtnur mit den Philosophen, sondern namentlich auch mit den Natur-forschern selbst in vielfachen Widerspruch versetzt; denn namentlichunsere Physiologen sind fast sammt und sonders Kantianer widerWillen. Um das Princip der Anschaulichkeit völlig durchzuführen,bedurfte Czolbe nicht nur einer neuen Theorie des Selbstbewusstseins,welche harte Beurtheilungen erfahren hat, sondern auch einer neuenTheorie der Sinneswahrnehmungen, deren Durchführung wiederzahlreiche Hiilfs-Hypothesen aus der Physik und der Kosmologie noth-wendig machte. Das Bedenkliche eines solchen Verfahrens ist leicht ein-zusehen. Die guten und grossen Hypothesen enthalten meist eine einzigeAnnahme, welche sich an sehr vielen Fällen bewahrheiten lässt; hierdagegen haben wir eine grosse Reihe von Hypothesen, welche sichkaum überhaupt durch die Erfahrung prüfen lassen. Wenn nur eineeinzige falsch ist, so ist das ganze System falsch. Setzt man dieWahrscheinlichkeit der Richtigkeit für jede einzelne Hypothese gleichgross mit der Wahrscheinlichkeit des Gegentheils, also = 1 / 2 , so er-giebt sich für die Richtigkeit des ganzen Systems schon 1 / 2 n alsAusdruck der Wahrscheinlichkeit, wo n die Zahl der Hypothesen be-deutet. Auf diesem einfachen mathematischen Gesetz beruht das Miss-liche aller Constructionen mit Hiilfs-Hypothesen, welches wir übrigensauch ohne mathematischen Nachweis empfinden.
So ist es denn nicht zu verwundern, wenn Czolbe selbst (Entsteh,des Selbstbew. S. 53) über seinen idealen Materialismus die Aeusse-rung thut: „Ich kann mir wohl denken, wie man darüber urtheilenwird: scheint es mir doch selbst, dass ich durch die Consequenzen,zu denen das Princip mich zwang, in eine mährchenhafte Ge-dankenwelt gerathen bin.“ In der That will uns bedünken, dassCzolbe in solchen vermeintlichen Consequenzen weit mehr gethan hat,als durch die Natur der Sache geboten war. Die Bestreiter des Mate-rialismus lieben es meist, Czolbe’s Ansicht als die wirkliche und wahreConsequenz des Materialismus darzustellen, weil sie dadurch auf wohl-feile Weise die gewöhnlichen Ansichten der Naturforscher auf ihre Seiteziehen können. Czolbe macht dagegen mit Vorliebe den Theologendas entsprechende Geständniss, dass sie von ihren Grundsätzen ausdurchaus consequent zu Werke gingen. Die eigenthtimliehe Neigungder Extreme, sich gegenseitig anzuerkennen und gegen die mittlerenRichtungen zu verbünden, scheint hier hervorzutreten. In der That