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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Wer hiess denn eigentlich einen Oken, Nees von Esenbeck,Steffens und andere Naturkundige philosophiren, statt forschen? Hatjemals irgend ein Philosoph, selbst in der ärgsten Schwindelperiode, dieexacte Forschung in vollem Ernst durch sein System ersetzen wollen?Selbst Hegel, der hochmtithigste der neueren Philosophen, betrachtetesein System niemals in dem Sinne als definitiven Abschluss der wissen-schaftlichen Erkenntniss, wie dies nach der Aulfassung, die wir be-streiten, hätte sein müssen. Er erkannte sehr wohl, dass keine Philo-sophie über den geistigen Gesammtinhalt ihrer Zeit hinaus gelangenkann. Freilich war er verblendet genug, die reichen philosophischenSchätze, welche die einzelnen Wissenschaften dem Denker fertig zu-führen, zu verkennen und namentlich den geistigen Gehalt der exactenWissenschaften viel zu gering anzuschlagen. Umgekehrt warfen sichdie Naturforscher damals vor der Speculation in den Staub, wie voreinem Götzen. Wäre ihre eigne Wissenschaft in Deutschland besserfundirt gewesen, so würde sie den Windstürmen der Speculationswuthbesser getrotzt haben. Die exacte Forschung ist jetzt auch bei uns inein reifes Alter getreten; sie ist eine moralische Macht geworden, wieschon allein die grossen Naturforscherversammlungen beweisen. Sollder Mann deshalb keinen Wein mehr trinken, weil der Jüngling sicheinmal berauscht hat? Die Folge wird sein, dass er zuletzt den erstenbesten KartofTelspiritus geniesst, wie die Reden der Herren Erdmannund Eimer auf der Naturforscherversammlung zu Karlsruhe (BerichtS. 19. 44 ff.), nebst zahllosen ähnlichen Producten der Neuzeit be-weisen. (Hyrtl’s berüchtigte Rede! —)

„Die Forderung“, meint Mohl, „welche der Naturforscher an denBeweis der Wahrheit stellt, ist eine wesentlich andere, als die des Phi-losophen.“ Dies ist für die Metaphysik zuzugeben; insofern die Philo-sophen noch immer belieben, auf diesem Gebiet von „Beweisen“ zureden. Der Begriff des Beweises ist aber aus dem constructiven Theilder Philosophie, wenn man eine endlose Reihe von Missverständnissenendlich abschneiden will, ganz und gar zu verbannen. Man vergesseaber doch nicht, dass die Methodenlehre selbst zur Philoso ph iegehört, und dass grade der Philosoph am schärfsten unterscheidenmuss, was metaphysisch und was empirisch ist. Kein Philosoph würdeNewton gerathen haben, die Einheit der Fallgesetze mit denen derAttraction der Himmelskörper gleich nach dem berühmten Apfelfall zupubliciren, oder gar nach der ersten Berechnung die Widersprüche,welche sich ergaben, über Bord zu werfen und ein nicht gefundenes