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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Materialismus sehr häufig Vorkommen, so dürfte sich eine kleine Ana-lyse lohnen.

Also der Naturforscher lernt von den Dingen; der Philosoph willAlles aus sich wissen und deshalb verstehen sie sich beide nicht? DasMissverständnis kann doch nur da sein, wo beide über dieselben Dingesprechen und dabei Verschiedenes nach verschiedenen Methoden dar-thun. Dabei sind sie sich entweder klar darüber, dass sie nach ver-schiedenen Methoden verfahren oder nicht. Wenn z. B. ein Professorder Philosophie den Aerzten „auf naturwissenschaftlichem Wege“ allerleimetaphysischen Hocuspocus beweisen will ; so ist dieser Professor, under ganz allein, an dem Missverständnis schuld. Jeder wirkliche Philo-soph wird einen solchen Anthropologen ebenso scharf zurückweisen, wieder Naturforscher, vielleicht schärfer, weil er eben den methodischenFehler als Kenner des beiderseitigen Verfahrens schneller durchschaut.Ein Beispiel solcher wissenschaftlichen Polizei verübte vor einigen JahrenLotze in seiner Streitschrift (1857) gegen die Anthropologie des jünge-ren Fichte. Er beging nur dabei den Fehler, dass er diesem, nachdemer ihn wissenschaftlich ganz und gar beseitigt hatte, einen Händedruckund gegenseitige Geschenke nach der Art der homerischen Helden vor-schlug. Die homerischen Helden schenkten dem nichts mehr, den sieerlegt hatten!

Ganz ebenso kann es gehen, wenn ein Naturforscher denselbenFehler macht, d. h. wenn er seine metaphysischen Grillen unter der Formvon Thatsachen an den Mann bringen will. Nur wird in diesem Falleoft grade der strengere Naturforscher die prompteste Polizei üben, weiler die Entstehungsgeschichte der angeblichen Thatsachen am genauestenkennt. Dies ist bekanntlich gerade unseren Materialisten bisweilenwiderfahren.

Wenn aber Philosoph und Naturforscher sich ihrer verschiede-nen Methoden bewusst sind, d. h. wenn der erste speeulativ ver-fährt, der letztere empirisch, so ist in ihren Lehren deshalb kein Wider-spruch, weil nur der letztere von einem verstandesmässig zu erkennen-den Object der Erfahrung spricht, während der erstere einem Bedürf-nis des Gemüthes, einem schaffenden Naturtrieb zu genügen sucht.Wenn z. B. ein Hegelianer die Empfindung erklärt, als „das, wo dieganze Natur als ein dumpfes Weben des Geistes in sich erscheint“, undder Physiologe nennt sie „die Reaction des Nervenprocesses auf dasGehirn“ oder „auf das Bewusstsein“; so liegt Idarin durchaus kein An-lass für beide, sich ergrimmt den Rücken zu kehren. Der Philosoph