Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
335
JPEG-Download
 

Die neueren Naturwissenschaften.

335

Fruchtbarer Gedankenaustausch in Wort und Schrift muss an die Stelledes kleinlichen Streites treten. Der Philosoph aber wird vor allenDingen einsehen müssen, dass sein Ziel nicht ein Professorstuhl seindarf, sondern die fortschreitende Umgestaltung unsererLebensverhältnisse, zur Verwirklichung des Idealen, so weit jedesZeitalter es fassen kann.

Nächst der Verachtung der Philosophie ist ein materialistischerZug in dem ungeschichtlichen Sinn zu finden, welcher sich mitunserer exacten Forschung so häufig verbindet. Heutzutage verstehtman oft unter „geschichtlicher“ Auffassung die conservative. Dieskommt theils daher, dass sich die Wissenschaft oft für Geld und Ehrendazu missbrauchen liess, überlebte Mächte zu stützen und dem Raub-Interesse zu dienen durch Hinweis auf vergangene Herrlichkeiten undhistorischen Erwerb gemeinschädlicher Rechte. Die Naturforschung kannhierzu nicht leicht missbraucht werden. Vielleicht hat auch die bestän-dige Nöthigung zur Entsagung, welche die exacte Forschung mit sichbringt, etwas Charakterstärkendes. Von dieser Seite betrachtet könnteden Naturforschern ihr unhistorischer Sinn nur zum Lobe gereichen.

Die Kehrseite der Sache ist die, dass der Mangel einer geschicht-lichen Auffassung den Faden des Fortschritts im Grossen unter-bricht; dass kleinliche Gesichtspunkte sich des Ganges der Unter-suchungen bemächtigen; dass sich zur Geringschätzung der Vergangen-heit eine philisterhafte Ueberscliätzung des gegenwärtigen Zustandesder Wissenschaften gesellt, bei welchem die landläufigen Hypothesenals Axiome gefasst werden und blinde Ueberlieferungen als Resultateder Forschung gelten.

Geschichte und Kritik sind oft eins und dasselbe. Die zahlreichenMediciner, welche noch eine Frucht von sieben Monaten für eher lebens-fähig halten, als eine von acht Monaten, halten dies meist für Erfah-rungsthatsache. Wenn man die Quelle dieser Ansicht in der Astrologieentdeckt hat (7 = (f, 8 = t>, 9=2j.) und hinlänglich aufgeklärt ist,um an der tödtlichen Kraft des Saturn zu zweifeln, so zweifelt man auchan .der angeblichen Thatsache. — Wer die Geschichte nicht kennt, wirdvon den üblichen Arzneimitteln alle diejenigen für heilsam halten, vondenen das Gegentheil nicht durch neuere Untersuchungen ausdrücklicherwiesen ist. Wer aber ein einziges Mal ein Recept aus dem 16. oder17. Jahrhundert gesehen und dabei wohl erwogen hat, dass die Leutenach diesen schauderhaften und sinnlosen Compositionen ebenfalls„gesund wurden“, der wird der vulgären „Erfahrung“ nichts mehr