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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
trauen und umgekehrt nur an diejenigen streng begrenzten Wirkungenirgend eines Arzneimittels oder Giftes glauben, welche durch die sorg-fältigsten neueren Untersuchungen der exacten Wissenschaft festgestelltsind. — Unkenntniss der Geschichte der Wissenschaft trug dazu bei,dass man vor einigen Decennien schon begonnen, die „Elemente“ derneueren Chemie- für in der Hauptsache endgültig festgestellt zu er-achten; während gegenwärtig mehr und mehr zu Tage tritt, dass nichtnur einige neue zu entdecken, andere vielleicht zu zerlegen sind, son-dern dass überhaupt der ganze Begriff eines Elementes nur ein proviso-rischer Nothbehelf ist.
Vielen Chemikern beginnt die Geschichte ihrer Wissenschaft mitLavoisier. Wie in Geschichtswerken für Kinder die finstere Periodedes Mittelalters oft mit den Worten beendet wird: „Da trat Luther auf“-— so tritt bei ihnen Lavoisier auf, um den Aberglauben des Phlogistonzu verbannen; womit denn die Wissenschaft, nach Beseitigung desBlendwerks, sich aus dem gesunden Menschenverstand ganz von selbstergiebt. Natürlich! So wie wir die Sache ansehen, muss sie ja an-gesehen werden! Ein vernünftiger Mensch kann nicht anders; manwäre längst auf den rechten Weg gekommen, wenn nur — das Phlogi-ston nicht gewesen wäre! Wie auch der alte Stahl nur so verblendetsein konnte!
Wer dagegen in der Geschichte die unauflösliche Verschmelzung vonIrrthum und Wahrheit sieht, wer bemerkt, wie die beständige Annähe-rung an ein unendlich fernes Ziel vollkommener Erkenntniss durch zahl-lose Zwischenstufen geht; wer da sieht, wie der Irrthum selbst ein Trägermannigfaltigen und bleibenden Fortschritts wird, der wird auch nichtso leicht aus dem thatsächlichen Fortschritt der Gegenwart auf die Un-umstösslichkeit unserer Hypothesen schliessen. Wer gesehen hat, wieder Fortschritt nie dadurch erzielt wird, dass eine irrthümliche Theorieplötzlich vor dem Blick des Genie’s wie Nebel zerfliesst, sondern dasssie nur durch eine höhere verdrängt wird, welche aus den kunstvollstenUntersuchungsmethoden mühsam gewonnen wird, der wird auch dasRingen eines Forschers nach Bewahrheitung einer neuen und ungewohn-ten Idee nicht so leicht mit höhnendem Lächeln betrachten, der wird inallen fundamentalen Fragen der Ueberlieferung wenig, der Methode vielund dem unmethodischen Verstände gar nichts Zutrauen.
Es ist durch Feuerbach in Deutschland und durch Comte inFrankreich die Anschauung aufgekommen, als sei der wissenschaftlicheVerstand weiter nichts, als der nach Verdrängung der hindernden