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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

die wir suchen, in der That sich zu unsern fortschreitenden Lehrenverhält, wie ein Ideal zu den wechselnden und niemals absolut voil-kommnen Formen seiner sinnlichen Verkörperung.

Sollen wir noch eine Nutzanwendung geben, so mögen wiram liebsten zu Liebig zurückkehren, der sich um die geschicht-liche Auffassung der Naturwissenschaften so,, verdient gemacht hat.wie um die philosophische, ohne jedoch auch hier zu einem ganzklaren Standpunkte zu gelangen.

Mit vollem Recht hat Liebig eine Lanze für die Alchemiegebrochen. Die vulgäre Ansicht geht etwa dahin, dass die Alchemieeine Scheinwissenschaft war, hervorgegangen aus dem Mysticismusdes Mittelalters, werthlos, abgeschmackt, durch und durch unwahr:in summa ein Hemmniss für den Menschengeist. Nach Beseitigungjenes Mysticismus entstand die Chemie aus dem gesunden Menschen-verstände. — Hören wir dagegen Liebig!

„Auf welchem Standpunkt wäre die heutige Chemie ohne dieSchwefelsäure, welche eine über tausend Jahre alte Entdeckung derAlchemisten ist, ohne die Salzsäure, die Salpetersäure, das Ammo-niak, ohne die Alkalien, die zahllosen Metallverbindungen, den Wein-geist, Aether, den Phosphor, das Berlinerblau! Es ist unmöglich,sich eine richtige Vorstellung von den Schwierigkeiten zu machen,welche die Alchemisten in ihren Arbeiten zu überwinden hatten; siewaren die Erfinder der Werkzeuge und der Processe, welche zurGewinnung ihrer Präparate dienten, sie waren genöthigt, Alles wassie brauchten, mit ihren eignen Händen darzustellen. Die Alche-mie ist niemals etwas andres als die Chemie gewesen“.

Allerdings war sie etwas andres! Liebig zeigt im Eifer derDiscussion die Kehrseite gegen die vulgäre Anschauung zu einseitigund verliert darüber das wichtigste Resultat der geschichtlichenBetrachtung.

Die Alchemie ruhte auf einer durchaus und in allen Theilenfalschen Grundanschauung vom Wesen der Körper. Die Lehre von denfeuchten, trocknen, hitzigen und kalten Eigenschaften der Körper,von der Wechselwirkung derselben, von der Mischung der Ele-mente —• kurz die ganze, so kunstvoll gegliederte Theorie derAlchemie war nicht nur unrichtig, sondern auch in der That mystisch.Dies widerspricht der verstandesmässig gegliederten Form der Lehredurchaus nicht; finden wir doch selbst in der Dogmatik des Mittel-alters denselben Gegensatz.