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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

exakte Naturforschung hat bewiesen, dass die Erde in einergewissen Periode eine Temperatur besass, in welcher alles orga-nische Leben unmöglich ist; schon bei 78° Wärme gerinnt das Blut.Sie hat bewiesen, dass das organische Leben auf Erdeneinen Anfang hatte. Diese Wahrheiten wiegen schwer, und wennsie die einzigen Errungenschaften dieses Jahrhunderts wären, sie würdendie Philosophie zum Dank an die Naturwissenschaften verpflichten“.

Nun! die exakte Naturforschung hat das ebensowenig bewiesen,als Lyell die Ewigkeit des gegenwärtigen Zustandes der Erde be-wiesen hat. Das ganze Gebiet ist von vornherein nur der Hypo-these zugänglich, welche mehr oder weniger durch Thatsachen ge-stützt wird. Die Geschichte zeigt uns, wie die grossen Theoremekommen und gehörig während die einzelnen Thatsachen der Erfah-rung und Beobachtung einen bleibenden und beständig wachsendenSchatz unsrer Erkenntniss bilden. Die Philosophie ist vollends un-dankbar genug, die ganze angebliche Errungenschaft der exaktenWissenschaften als ihr Eigenthum zu reclamiren. Wenn Kant unszeigt, dass unser Verstand mit Nothwendigkeit zu jeder Ursacheeine frühere Ursache, zu jedem scheinbaren Anfang einen früherenAnfang sucht, während die Einheitsbestrebungen der Vernunft einenAbschluss verlangen, so ist damit der anthropologische Ursprung dermiteinander kämpfenden Theorieen vollständig blpss gelegt. Man mögedenn ferner drauf zu beweisen, aber nur niemals von der Philosophieverlangen, dass sie ihre eignen Kinder im bunten Rock der Natur-wissenschaften nicht wieder erkenne!

Das Gegenstück zu dem „bewiesenen“ Anfang des organischenLebens bildet der verächtliche Seitenblick, mit welchem Liebig esrügt, dass die „Dilettanten“, welche alles Leben auf Erden aus demeinfachsten Organismus der Zelle ableiten wollen, auf das Wohl-feilste über eine unendliche Reihe von Jahren verfügen.

Es wäre interessant, irgend einen vernünftig scheinenden Grundzu erfahren, weshalb man bei der Aufstellung einer Hypothese überdie Entstehung der jetzigen Naturkörper nicht auf das Wohlfeilsteüber eine unendliche Reihe von Jahren verfügen sollte. Man kanndie Hypothese der allmähligen Entstehung aus andern Gründenangreifen; das ist eine Sache für sich. Will man sie aber tadeln,weil sie eine ausserordentlich grosse Reihe von Jahren braucht, soverfällt man in einen der sonderbarsten Fehler des gewöhnlichenDenkens. Einige tausend Jahre sind uns höchst geläufig; wir erhe-