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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

zu greifen, welche statt auf blossen Ausbau im Einzelnen abzuzielen,vielmehr die bisherige Anschauungsweise stürzen und ganz neue Ein-blicke in das Gebiet der Wissenschaften herbeiführen. Der Mate-rialismus ist mit einem Worte in den Naturwissenschaf-ten conservativ. Wie es kommt, dass er dessenungeachtet fürdie wichtigsten Gebiete des Lebens unter gewissen Verhältnissen einrevolutionäres Ferment wird, wird sich später heraussteilen.

Der Idealismus ist von Haus aus metaphysische Dichtung; ob-schon eine solche, welche uns als begeisterte Stellvertreterin höherer,unbekannter Wahrheiten erscheinen kann. Der Umstand, dass über-haupt ein dichtender, schaffender Trieb in unsre Brust gelegt ist,welcher in Philosophie, Kunst und Religion oft mit dem Zeug-niss unsrer Sinne und unsres Verstandes in direkten Widerspruchtritt und dann doch Schöpfungen hervorhringen kann, welche dieedelsten, gesündesten Menschen höher halten, als blosse Erkenntniss:dieser Umstand schon deutet darauf hin, dass auch der Idealis-mus mit der unbekannten Wahrheit zusammenhängt, ob-schon in ganz andrer Weise als der Materialismus. Im Zeugniss derSinne stimmen alle Menschen überein. Reine Verstandesurtheileschwanken und irren nicht. Die Ideen aber sind poetische Geburtender einzelnen Person; vielleicht mächtig genug ganze Zeiten undVölker mit ihrem Zauber zu beherrschen, aber doch niemals allge-mein und noch weniger unveränderlich.

Trotzdem könnte der Idealist in den positiven Wissenschafteneben so sicher gehen, wie der Materialist, wenn er nur beständigdaran dächte, dass die Erscheinungswelt — wie immer blosse Er-scheinung — doch ein zusammenhängendes Ganze ist, in wel-ches ohne Gefahr gänzlicher Zerrüttung keine fremden Glieder ein-geschaltet werden dürfen. Der Mensch aber, der einmal sich in eineIdeenwelt versteigt, ist beständig in Gefahr, sie mit der Sinnen-welt zu verwechseln und dadurch die Erfahrung zu fälschen oderseine Dichtungen in demjenigen prosaischen Sinne für „wahr“ oder„richtig“ auszugeben, in welchem diese Ausdrücke nur den Erkennt-nissen der Sinne und des Verstandes zukommen. Denn wennwir von der sogenannten „inneren Wahrheit“ der Kunst und derReligion absehen, deren Kriterium nur in der harmonischen Befrie-digung des Gemüthes besteht und mit wissenschaftlicher Erkenntnissganz und gar nichts gemein hat, so dürfen wir eben nur dasjenigewahr nennen, was jedem Wesen menschlicher Organisation mit Noth-