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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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347
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Die neueren Naturwissenschaften.

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wendigkeit so erscheint, wie es uns erscheint, und eine solcheUebereinstimmung ist nur in den Erkenntnissen der Sinne und desVerstandes zu finden.

Nun besteht aber zwischen unsern Ideen und diesen Erkennt-nissen auch ein Zusammenhang: der Zusammenhang in unserm Ge-müthe, dessen Erzeugnisse nur ihrer Meinung und Absicht nach überdie Natur hinausschweifen, während sie als Gedanken und Produktemenschlicher Organisation doch ebenfalls Glieder der Erscheinungs-welt sind, die wir allenthalben nach nothwendigen Gesetzen zusam-menhängend finden. Mit einem Worte: unsre Ideen, unsre Hirn-gespinste, sind Produkte derselben Natur, welche unsreSinneswahrnehmungen und Verstandesurtheile hervor-bringt. Sie tauchen nicht ganz zufällig, regellos und fremdartig imGeiste auf, sondern sie sind — mit Sinn und Verstand betrachtet —Produkte eines psychologischen Processes, in welchem unsre sinnlichenWahrnehmungen ebenfalls ihre Rolle spielen. Die Idee unterscheidetsich vom Hirngespinst durch ihren Werth, nicht durch ihren Ur-sprung. Was ist aber der Werth? Ein Verhältniss zum Wesendes Menschen, und zwar zu seinem vollkommenen, idealen Wesen.So misst sich die Idee an der Idee und die Wurzel dieser Weltgeistiger Werthe verläuft ebensowohl, wie die Wurzel unsrer Sinnes-vorstellungen in das innerste Wesen des Menschen zurück, welchessich unsrer Beobachtung entzieht. Wir können die Idee alsHirngespinst psychologisch begreifen; als geistigen Werthkönnen wir sie nur an ähnlichen Werthen messen. DenKölner Dom vergleichen wir mit andern Kathedralen, mit andernKunstwerken; seine Steine mit andern Steinen.

Die Idee ist für den Fortschritt der Wissenschaften so unent-behrlich, wie die Thatsäche. Sie führt nicht nothwendig zur Meta-physik, obwohl sie jedesmal die Erfahrung überschreitet. Aus denElementen der Erfahrung unbewusst und schnell, wie das Anschiesseneines Krystalls, hervorspringend, kann sie sich auf Erfahrung zurück-beziehen und ihre Bestätigung oder Verwerfung in der Erfahrungsuchen. Der Verstand kann die Idee nicht machen, aber er richtetsie und er huldigt ihr. Die wissenschaftliche Idee entsteht, wie die poe-tische, wie die metaphysische, aus der Wechselwirkung aller Elementedes individuellen Geistes; sie nimmt aber einen andern Verlauf, indemsie sich dem Urtheil der Forschung unterzieht, in welchem allein dieSinne, der Verstand und das wissenschaftliche Gewissen zu Rathe sitzen.