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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Dies Gericht fordert nicht absolute Wahrheit, sonst möchte es umden Fortschritt der Menschheit schlecht bestellt sein. Brauchbarkeit,Verträglichkeit mit dem Zeugniss der Sinne in dem durch die Ideegeforderten Experiment, entschiedenes Uebergewicht über die entge-genstehenden Auffassungen — das genügt schon, um der Idee dasBürgerrecht im Reich der Wissenschaft zu geben. Die kindlicheWissenschaft verwechselt fortan Idee und Thatsache; die entwickelte,methodisch sicher gewordene bildet die Idee auf dem Wege derexakten Forschung fort zur Hypothese und endlich zur Theorie.

Auch der einseitigste Idealist wird niemals den Versuch ganzverschmähen, die Erfahrung selbst zum Zeugniss ihrer Unzulänglich-keit aufzurufen. Wenn in den Thatsachen der Sinnenwelt selbstkeine Spur davon aufzufinden wäre, dass die Sinne uns nur ein ge-färbtes und vielleicht ganz und gar unzulängliches Bild der wahrenDinge geben, so stände es schlimm um die Ueberzeugung des Idea-listen. Allein schon die gewöhnlichsten Sinnestäuschungen gebenseiner' Ansicht einen Halt. Die Entdeckung des Zahlenverhältnissesin den Tönen der Musik folgte aus einer Idee der Pythagoreer,welche dem ursprünglichen Sinnenschein zuwiderläuft; denn unserOhr giebt uns in den Klängen nicht das mindeste Bewusstsein einesZahlenverhältnisses. Dennoch legten die Sinne selbst Zeugniss abfür die Idee: die getheilte Saite, die verschiedenen Dimensionen me-tallner Hämmer wurden im Zusammenhang mit den verschiedenenTönen sinnlich wahrgenommen. So wurde die Idee der Vibrations-theorie für das Licht, einmal verworfen, später auf das Zeugniss derSinne und des rechnenden Verstandes wieder angenommen; die In-terferenzerscheinungen konnte man sehen.

Hieraus ergiebt sich schon, dass auch der Idealist Forschersein kann; seine Forschung wird aber in der Regel einen revolu-tionären Charakter tragen, wie der Idealist auch dem Staat, dembürgerlichen Leben, den Gewohnheitssitten gegenüber als Träger desrevolutionären Gedankens bestellt ist.

Dabei ist aber nicht zu vergessen, dass es sich um ein Mehroder Weniger handelt. Sieht man von den wenigen Trägern con-sequenter Systeme ab, so giebt es im Leben so wenig Idealistenund Materialisten — als bestimmte Classen von Individuen — wiees Phlegmatiker und Choleriker giebt. Es wäre kindisch anzunehmen,dass kein Mann von überwiegend materialistischer Anschauung einewissenschaftliche Idee haben könnte, welche das Ueberlieferte ganz