Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
349
JPEG-Download
 

Die neueren Naturwissenschaften.

349

and gar umstöst. Unsre Forscher haben dazu namentlich jetzt, woder Zug der Zeit dahin geht, fast Alle Idealismus genug, obwohlsie hauptsächlich dasjenige glauben, was sie sehen und fühlenkönnen.

In der Geschichte der neueren Naturforschung vermögen wirnicht mit derselben Sicherheit wie für das Alterthum die Einflüssedes Materialismus und Idealismus zu unterscheiden. So lange wirnicht sehr sorgfältige und auf den ganzen Menschen Rücksichtnehmende Biographieen der bedeutendsten Führer des wissenschaft-lichen Fortschritts haben, befinden wir uns auf einem schwankendenBoden. Der Druck der Kirche verhinderte meist die wahre Mei-nungsäusserung, und mancher edle Mann spricht bisher nur durchdie Thatsaclien seiner Entdeckungen zu uns, bei dem wir ein reichesDenken, gewaltige Kämpfe des Gemtiths und einen Schatz tieferIdeen voraussetzen dürfen.

Die meisten Naturforscher unsrer Zeit halten von Ideen, Hypo-thesen und Theorieen sehr wenig. Liebig geht dagegen in seinemGroll gegen den Materialismus wieder zu weit, wenn er in seinerRede über Baco den Empirismus völlig verwirft.

„Baco legt in der Forschung dem Experiment einen hohenWerth bei; er weiss aber von dessen Bedeutung nichts; er hält esfür ein mechanisches Werkzeug, welches, in Bewegung gesetzt, dasWerk aus sich selbst heraus macht; aber in der Naturwissen-schaft ist alle Forschung deduktiv oder apriorisch; dasExperiment ist nur Hiilfsmittel für den Denkprocess, ähnlich wie dieRechnung; der Gedanke muss ihm in allen Fällen und mit Nothwen-digkeit vorausgehen, wenn es irgend eine Bedeutung haben soll.“

„Eine empirische Naturforschung in dem gewöhn-lichen Sinn existiert gar nicht. Ein Experiment, dem nichteine Theorie, d. h. eine Idee vorhergeht, verhält sich zur Natur-forschung wie das Rasseln mit einer Kinderklapper zur Musik.“

Starke Worte! Es steht aber in der That nicht ganz soschlimm um den Empirismus. Liebigs meisterhafte Analyse derVersuche Bacos, für welche ihm in der That Philosophen undHistoriker Dank wissen müssen, hat uns freilich gezeigt, dass ausBacos Versuchen nicht nur nichts folgte, sondern auch nichts folgenkonnte. Wir finden aber dafür Gründe genug in der Gewissen-losigkeit und Leichtfertigkeit seines Verfahrens, in dem willkürlichenErgreifen und Verlassen seiner Gegenstände, in dem Mangel an