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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
Hier können wir nicht umhin, auf eine grosse Quelle von Irr-thümern aufmerksam zu machen, welche darin besteht, dass man inder Induktion einen vollständigen Gegensatz gegen die Deduktionzu haben glaubt, so dass jedes Beweisverfahren entweder das eineoder das andre wäre. Der Induktionsbeweis ist aber nur eine —freilich die wichtigste — Unterart des Erfahrungsbeweises,welcher den wahren Gegensatz gegen den ableitenden (Vernunft-)Beweis bildet. Der Beweis aus der Erfahrung (a posteriori) ist näm-lich nicht induktiv — und natürlich auch nicht deduktiv — sobalder sich auf ein einzelnes Faktum bezieht. 1
Einem Chemiker wird eine Quantität Papier zugestellt zur Un-tersuchung auf Bleigehalt. Es construirt sich einen kleinen Hoch-ofen, verbrennt das Papier, bringt die Asche in seinen Hochofen,findet schliesslich ein Kügelchen Blei, hämmert es platt, ziehteinen Faden durch und heftet es seinem Berichte bei. Hier habenwir einen reinen Erfahrungsbeweis für das Vorhandensein des Blei’s,der weder induktiv noch deduktiv ist. Man kann zwar einen de-duktiven Schluss darüber aufstellen, dass das nach diesem Verfahrengefundene Blei auch nothwendig in dem Papier gewesen sein muss,allein dieser Schluss ist nur ein Hülfssatz; die Beweiskraft für dasVorhandensein des Metalls liegt in seiner Aufzeigung, und an diesFaktum hält sich der Chemiker. Er behauptet erst Blei vor sichzu haben, nachdem er es gesehen hat.
Wenn nun ein Advokat oder Richter auf Grund dieses Experi-mentes schliesst, dass eine grössere Quantität Papier, von welcherdie Probe genommen war, bleihaltig sei, so ist dies ein deduktiverSchluss, dessen Obersatz „das ganze Quantum ist gleichmässig be-schaffen“ nicht bewiesen ist, sondern nur als genügend wahrschein-lich angenommen wird. Man könnte ihn durch passende Fortsetzungder Proben indukti v zu erhärten suchen. Die Induktion, mit einemWorte, ist nur da, wo aus einzelnen Thatsachen allgemeine Sätzegeschlossen werden.
Sollen nun diese Thatsachen durch Experiment und künstlicheBeobachtung gewonnen werden, so ist von selbst klar, dass eineleitende Idee dabei vorhanden sein muss, sonst zersplittern sich dieBeobachtungen zwecklos.
Als Kepler die Form der Ellipse auf die Beobachtungen überdie Marsbahn anwandte, hatte er eine sehr bestimmte Idee, nachwelcher er die Erfahrung benutzte; der Beweis war dennoch induk-