Die neueren Naturwissenschaften.
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tiv, weil er sich auf die einzelnen Oerter der Balm beziehen musste.Nur durch die Bemerkung, dass sämmtliche Rechnungsresultate füralle beobachteten Oerter mit der Theorie der elliptischen Bahnübereinstimmten, wurde der Schluss möglich, dass dies überhauptfür alle Oerter, d. h. für die ganze Bahn der Fall sei.
Trotzdem dass hier, wie Liebig es verlangt, dem Experiment —denn dessen Stelle vertreten die Rechnungen — eine vollständigeTheorie vorangeht, ist dennoch Keplers Verfahren nicht nur induk-tiv, sondern auch in jedem Sinne empirisch. Denn die Anwendungder Ellipse auf die Rechnung war auch nur ein Versuch, den Keplernach unzähligen andern Versuchen anstellte: eins der reinsten Bei-spiele eines erfolgreichen Empirismus, welche die Geschichte kennt;noch besonders merkwürdig dadurch, dass es die Beharrlichkeit einesIdealisten war, welche auf diesem Wege der Wahrheit die Ent-hüllung abtrotzte. Erst nach Auffindung der Marsbahn trat ein deduk-tives Element ein mit dem Schluss, dass die übrigen Planeten sichgleich verhalten würden; der wirkliche Beweis dafür aber war undblieb empirisch und musste empirisch bleiben, so lange nicht Newtonden inneren Grund dieser Erscheinungen aus einer Idee entwickelthatte.
Das entgegengesetzte Extrem gegen die Auffassung Liebigs findenwir übrigens nicht sowohl bei unsern Materialisten, als vielmehr beiden Rigoristen der exakten Forschung. Sehr häufig findet man heut-zutage die äusserste Beschränkung in den Hypothesen und Theorieenvon Männern gefordert, welche eine Hypothese von einer willkürlichenVermuthung ganz genau unterscheiden können und weit entfernt da-von sind, die naturwissenschaftlichen Theorieen in Thatsachen undPhantasieen einzutheilen. Diesen Leuten lässt sich im Allgemeinenweder beistimmen noch widersprechen. So sicher es ist, dass jeneEnthaltsamkeit der Reinheit der Forschung förderlich ist, so gewissist auch, dass sie der Fruchtbarkeit an Entdeckungen nachtheiligwerden kann. Das Mehr oder Weniger ist Sache praktischer Ent-scheidung. Ob es~z. B. in Folge neuerer Entdeckungen über dieLichtbrechung an der Zeit ist, alle und jede Theorie über die molecu-laren Kräfte aufzugeben (Poggend. Ann. 121 S. 583) oder nicht, mussdie Erfahrung lehren. Man kann dem Forscher darin keine Regel vor-schreiben und ist höchstens im Staude, nachträglich zu constatiren,ob die Perioden mit oder ohne vorherrschende Hypothesen dem Fort-schritt thatsächlicher Erkenntniss am günstigsten gewesen seien.
Lange, Geseh. d. Mat. 23