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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Ein logischer Fehler liegt im Gebrauch der Hypothesen nur dann,wenn ihre hypothetische Natur verkannt wird; einen logischen Vor-theil bringen sie nur, wenn die Beweisführung für die Thatsachen aufkeinem einfacheren Wege möglich ist. Das Priucip der exakten For-schung beruht auf der genauen Beobachtung der Bedingungen,unter welchen eine Erfahrung gemacht wurde; je exakter demnach eineWissenschaft ist, desto häufiger wird sie sich des hypothetischen Aus-drucks bedienen, wo die minder exakte Darstellung kategorisch redenwürde.

Vielleicht sind wir nunmehr berechtigt, einen eigenthümlichen Zugder neueren Naturforschung als materialistisch zu bezeichnen, welchergrade in der Opposition gegen die Strenge der exakten For-schung besteht; freilich nicht einer Opposition, welche sich auf denLibertinismus der Idee stützt, sondern in einer solchen, welche ausUeberschätzung der unmittelbaren sinnlichen Ueberzeugunghervorgeht. .

Um hier nicht in vage Allgemeinheiten zu gerathen, wollen wirunsere Betrachtungen an das merkwürdigste Beispiel dieser Oppositionanknüpfen, welches in den letzten Jahren in Deutschland vorgekommenist. Es ist die Reaktion einiger Physiologen gegen eine Abhandlungdes Mathematikers Ra dicke über die Bedeutung und den Wertharithmetischer Mittel. Radicke veröffentlichte im Jahre 1858 imArchiv für pliys. Heilkunde eine ausführliche Arbeit, deren Zweckdarin bestand, das übermässig wuchernde Material physiologisch-che-mischer Entdeckungen einer kritischen Sichtung zu unterwerfen. Erbediente sich dabei eines ebenso sinnreichen und selbständigen alscorrecten Verfahrens, um das Verhältniss des arithmetischen Mittelsaus den Versuchsreihen zu den Abweichungen der einzelnen Versuchevon diesem Mittel logisch zu verwerthen. Dabei ergab sich denn inder Anwendung der entwickelten Grundsätze auf viele bisher sehr ge-schätzte Untersuchungen, dass die Versuchsreihen dieser Untersuchun-gen überhaupt kein wissenschaftliches Resultat ergaben, weil die ein-zelnen Beobachtungen zu grosse Verschiedenheiten zeigten, um dasarithmetische Mittel mit genügender Wahrscheinlichkeit als Produktdes zu untersuchenden Einflusses erscheinen zu lassen. Gegen diesehöchst verdienstvolle und von mathematischer Seite durchaus nichtangefochtene Arbeit erhob sich nun Widerspruch von Seiten einigernamhafter Mediciner, und dieser Widerspruch förderte eben die selt-samen Urtheile zu Tage, die wir hier glauben erwähnen zu müssen.