Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
362
JPEG-Download
 

362

Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Atomismus gebaut ist, so kann es nicht mehr räthselhaft erscheinen,dass die Sucht nach metaphysischen Dogmen bald in der Lehre vonden Atomen wieder ihre Befriedigung fand.

Die Geschichte des Atomismus zeigt uns, wie ein ererbter meta-physischer Begriff allmählig nach den Erfordernissen der Erfahrungumgestaltet wird; wie sein metaphysischer Charakter dabei keinenAugenblick verloren geht, wohl aber mehr und mehr in Vergessen-heit geräth.

Unterdessen aber wird der Atombegriff theils durch fortschrei-tende Entdeckungen dermassen ausgebildet, dass seine hypothetischeNatur auch dem Blindesten wieder einleuchten muss; theils führt derimmer schärfer hervortretende Relativismus der exakten Wissenschaftendazu, ihn auch principiell auf eine blosse Annahme zum Zweck dermathematischen Naturerklärung zurückzuführen: In demselben Augen-blick, wo der Atomismus seine höchsten Triumphe feiert, gewahrtman, dass er gar kein Atomismus mehr ist, und dass der Streitzwischen dynamischer und atomistischer Naturforschung sichauf einen Wortstreit zu reduciren beginnt. Es sind aber nicht diePhilosophen, welche diese Umwandlung vollzogen haben, sondern dieChemiker, die Physiker und vor Allen die Mathematiker.

Als man entdeckte, dass Substanzen von derselben Zusammen-setzung in ganz verschiedner Krystallform erscheinen (Dimorphis-mus), als man fand, dass es vollkommen gleich zusammengesetzteSubstanzen giebt, welche in allen ihren chemischen und physika-lischen Eigenschaften, sogar im specifischen Gewicht der Gase ver-schieden sind (Isomerie, Polymerie u. s. w.): da schien es nocheine reine Bestätigung des Atomismus zu sein, dass man nur allerleiUmstellungen, Combinationen und Gruppirungen der Atome annehmendurfte, um alle diese Erscheinungen aufs herrlichste zu erklären. Inder Sturm- und Drangperiode der Analyse (etwa 1815 —1840) achteteman wenig darauf, dass sich der Schatz der vermeintlichen Einsichtin das innerste Wesen der Materie in einer bedenklichen Weise häufte;man fühlte sich um so sicherer, als man an der elektro-chemischenTheorie zugleich schon ein rationelles Princip für Auflösung und Ver-bindung aller Körper zu haben glaubte. Die Erschütterung der vonBerzelius ausgehenden Grundanschauung durch die Typentheoriebrachte auch in Beziehung auf die Atomenlehre eine beträchtliche Er-nüchterung mit sich. Mehr und mehr begannen besonilene Forschersich zu fragen, ob nicht alle jene Atom- und Molecularconstructionen