Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
363
JPEG-Download
 

Die neueren Naturwissenschaften.

363

überflüssig seien, ob es nicht besser sei, einfach von Thatsache zuThatsache fortznschreiten und sich an dem Gedanken einstweilen ge-nügen zu lassen, dass die wirklichen Erscheinungen der Wandlungdes Stoffes jedenfalls wohl auch irgendwie möglich sein müssten.

Eine der durchschlagendsten Entdeckungen der Neuzeit zeigtesogar, dass einfache Substanzen in verschiednen Zuständen ver-sehiedne Eigenschaften darbieten. Der Begriff des Elementes wurdeerschüttert. Zum Ozon fand man das Antozon und während derStreit darüber noch fortdauert, ob damit der Sauerstoff in zwei neueElemente zerlegt sei oder nicht, eröffnet sich die Perspektive in einganz neues Zeitalter der Chemie. Kein Wunder, dass grade Männer,welche auf diesen Gebieten mit dem höchsten Erfolg gearbeitet haben,weit davon entfernt sind, die Atomlehre, wie der sanguinische Mate-rialist es liebt, mit der Lehre von der Bewegung der Himmelskörpergleich zu stellen. Schönbein geht so weit, der Chemie die Bezeich-nung „Wissenschaft“ „in dem Sinne, in welchem wir die Astronomie,Optik u. s. w. als solche bezeichnen“ noch nicht beilegen zu wollen.

„Wo die Begriffe fehlen., da stellt ein Wort zur rechten Zeit sichein, und sicherlich ist ganz besonders in der Chemie mit Molekülenund ihrer Gruppirung seit Cartesius Zeiten ein arger Missbrauch .ge-trieben worden in dem Wahne, durch derartige Spiele der Einbildungs-kraft für uns noch durchaus dunkle Erscheinungen erklären und denVerstand täuschen zu können.“ (Schönbein, Combe-Varin).

Mit musterhafter Klarheit hat neuerdings Kekule versucht, dieGrenze zwischen Hypothese und Thatsache den Chemikern ins Be-wusstsein zurückzurufen. Er zeigt, dass die Proportionszahlender Mischungsgewichte den Werth der Thatsache haben, unddass man die Buchstaben der chemischen Formeln allerdings als deneinfachen Ausdruck dieser Thatsache betrachten kann.

„Legt man den Buchstaben der Formeln aber eine andre Bedeu-tung unter, betrachtet man sie als den Ausdruck der Atome und derAtomgewichte der Elemente, wie dies jetzt meistens geschieht, so wirftsich die Frage auf: wie gross oder wie schwer (relativ) sind die Atome?Da die Atome weder gemessen noch gewogen werden können, so istes einleuchtend, dass nur Betrachtung und Speculation zurhypothetischen Annahme bestimmter Atomgewichte führenkann.“

Dasselbe wird für die Moleküle nachgewiesen. Die neunzehn ver-schiednen Formeln für die Zusammensetzung der Essigsäure, welche