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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Das Merkwürdigste aber ist dies, dass Fechner in seinem ganzenBuche die dynamische Theorie bekämpft, welcher er selbst,genau genommen, huldigt. Das Räthsel, wie dies bei einem soscharfsinnigen Manne möglich sei, löst sich aber ganz einfach da-durch, dass Fechner — wieder den Specialfall mit dem Allgemeinenverwechselnd — bei der dynamischen Ansicht nur an diejenige dyna-mische Ansicht denkt, welche in der deutschen Naturphilosophie vor-herrscht, nämlich an die Lehre von der Continuität des Stoffes,und zwar an die rohesten, mit den Thatsachen nicht einmal versuchs-weise in Einklang gebrachten Allgemeinheiten derselben, wie sie aufden Kathedern deutscher Professoren zu hausen pflegen.

Bekanntlich soll Kant grade der Urheber dieses Dynamismussein. Wir haben uns bei den „metaphysischen Anfangsgründen derNaturwissenschaften“ in unserm Kapitel über Kant absichtlich nichtaufgehalten, weil die Hauptfragen des Systems durch den dort ent-wickelten Dynamismus wenig berührt werden. Es ist nicht nöthigdies hier nachzuholen. Nur darauf sei hingewiesen, dass Kants An-sichten mit dem thatsächlichen Stande der Naturwissenschaften von1786 vollkommen in Harmonie waren. Wer den grossen Denker ausseinen Schriften kennt, kann keinen Augenblick zweifeln, dass Kantdiese Harmonie würde erhalten oder sein System aufgegeben haben,wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, die grossen Entdeckungen unsresJahrhunderts auf den Gebieten der Chemie, der Licht- und Wärme-lehre zu erleben, die ein solcher Geist mit dem freudigsten Interessebis in alle Einzelheiten verfolgt haben würde. Was die metaphy-sischen Strudelköpfe statt dessen aus dem Dynamismus gemacht haben,können wir dahin gestellt sein lassen.

Uebrigens ist es keineswegs so leicht, mit Bestimmtheit anzu-geben, weshalb grade die Continuitäts-Theorie verlassen ■werden muss,da auch diese der mannigfachsten Umbildung fähig ist. Die ausdeh-nungslosen Kraftcentra können alle Kunststücke der Atome nachahmen.Sie können vibriren, können verschiedne Lagerungsverhältnisse ein-gehen, und was nur der Physiker verlangen mag. Daher eben ist eskeine Frage der Physik, sondern der Metaphysik, ob man sich mitdiesem abstrakten Wesen begnügen oder ob man die Atome lieberknollig haben will. Was dagegen die Continuität der Materie imRaume betrifft, so scheint es mit dieser schlimmer zu stehen.

Der berühmte französische Mathematiker Poisson wurde, wieuns Fechner mittheilt, durch Fresnel zum Atomismus bekehrt. Er