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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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371
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Die neueren Naturwissenschaften.

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als allgemeiner Altsdruck der Abneigung angesehen werden, wie manoft von „roliem“ oder „crassem“ Materialismus sprechen hört, ohnedass damit ein bestimmter Begriff verbunden wird. Es bezeichnetvielmehr ganz treffend die aus dem unmittelbaren Bewusstsein sichergebende, dem Einfluss wissenschaftlicher Betrachtung noch trotzendeVorstellungsweise.

Wir möchten aber allerdings auch annehmen, dass der ganzeMaterialismus, so berechtigt er bis gegen Ende des vorigen Jahr-hunderts war, bei dem gegenwärtigen Standpunkt der exakten Wissen-schaften, ganz abgesehen von der philosophischen Kritik, nicht mehrbestehen kann. Dem auflösenden Einfluss des physikalischen Kraft-begriffes konnte man nur auf zwei Wegen zu entgehen suchen, undbeide Wege sind in der That betreten worden. Man konnte ver-suchen, den Begriff der Kraft durch Unterordnung unter denStoffbegriff oder aber durch Versinnlicliung der Kraft selbstunschädlich zu machen. Den ersteren Weg schlagen Moleschottund Büchner ein, den letzteren Czolbe. Dieser nimmt an, dassz. B. die mathematischen Verhältnisse der Lichtschwingungen nichtnur in unserm Bewusstsein die Einheit der Farbenempfindung her-vorrufen, sondern dass sie auch ausserhalb unsres Organismus einesubstantielle Einheit bilden, welcher dieselbe Qualität zuzuschreibenist, die in uns zum Bewusstsein kommt. Diese Auffassung verlässtaber nicht nur den strengen Atomismus, sondern sie führt auch inihrer Consequenz nothwendig zu der pantheistischen Annahme einerBeseelung des ganzen Weltalls. Was dagegen die Unterordnung derKraft unter den Stoffbegriff betrifft, so ist dieser Versuch bisher nurin einer so vagen Allgemeinheit gemacht worden, dass sich ein Ürtheildarüber überhaupt nicht abgeben lässt.

In Moleschotts Kreislauf des Lebens trägt ein längeresKapitel die Ueberschrift „Kraft und Stoff“. Das Kapitel enthält einePolemik gegen den aristotelischen Kraftbegriff, gegen die Teleo-logie, gegen die Annahme piner übersinnlichen Lebenskraft und andreschöne Dinge; aber keine Silbe über das Verhältniss einer einfachenAttractions- oder Repulsivkraft zwischen zwei Atomen zu den Atomenselbst, die als Träger dieser Kraft gedacht werden. Wir hören, dassdie Kraft kein stossender Gott, aber wir hören nicht, wie sie es an-fängt, um von einem Stotftheilchen aus durch den leeren Raum hin-durch in einem andern eine Bewegung hervorzurufen. Im Grundeerhalten wir nur Mythus für Mythus.

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