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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
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372
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372 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

„Eben die Eigenschaft des Stoffes, welche seine Bewegung er-möglicht, nennen wir Kraft. — Grundstoffe zeigen ihre Eigenschaftennur im Verhältnis zu andern. Sind diese nicht in gehöriger Nähe,unter geeigneten Umständen, dann äussern sie weder Abstossung,noch Anziehung. Offenbar fehlt hier die Kraft nicht; alleinsie entzieht sich unsern Sinnen, weil die Gelegenheit zur Bewegungfehlt. —- Wo sich auch immer Sauerstoff befinden mag, hater Verwandtschaft zum Kalium.“

Hier finden wir Moleschott tief in der Scholastik; seine „Ver-wandtschaft“ ist die schönste qualitas occulta, die man verlangenkann. Sie sitzt im Sauerstoff wie ein Mensch mit Händen. KommtKalium in die Nähe, so wird es gepackt; kommt keins, so sind dochwenigstens die Hände da und der Wunsch Kalium abzufassen. —Die Verwüstungen des Möglichkeitsbegriffes!

Büchner geht noch weniger als Moleschott auf das Verhältnissvon Kraft und Stoff ein, obwohl er sein bekanntestes Werk nachdiesen Begriffen betitelt hat. Nur beiläufig sei der Satz hervorge-hoben: „Eine Kraft, die sich nicht äussert, kann nichtexistiren.“ Das ist wenigstens eine gesunde Anschauung, gegen-über jener Verkörperung einer menschlichen Abstraktion bei Mole-schott. Das Beste, was Moleschott über Kraft und Stoff vorbringt,ist eine längere Stelle aus der Vorrede Du Bois Reymonds zuseinen Untersuchungen über thierische Elektricität; alleingrade den klarsten und wichtigsten Abschnitt hat Moleschott weg-gelassen.

Bei Gelegenheit einer gründlichen Analyse der unklaren Vor-stellungen von einer sogenannten Lebenskraft kommt Du Bois da-rauf, zu fragen, was wir uns überhaupt unter „Kraft“ vorstellen. Erfindet, dass es im Grunde weder Kräfte noch Materie giebt, dassvielmehr beides nur von verschiedenen Standpunkten aus aufgenom-mene Abstraktionen der Dinge sind.

„Die Kraft (insofern sie als Ursache der Bewegung gedachtwird) ist nichts als eine verstecktere Ausgeburt des unwidersteh-lichen Hanges zur Personifikation, der uns eingeprägt ist; gleichsamein rhetorischer Kunstgriff unsres Gehirns, das zur tropischen Wen-dung greift, weil ihm zum reinen Ausdruck der Klarheit die Vor-stellung fehlt. In den Begriffen von Kraft und Materie sehen wirwiederkehren denselben Dualismus, der sich in den Vorstellungen vonGott und der Welt, von Seele und Leib hervordrängt. Es ist, nur