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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

will, was auf dasselbe hinauskommt, die Kategorie der Substanznöthigt uns stets den einen dieser Begriffe als Subjekt, den andernals Prädikat aufzufassen. Indem wir das Ding Schritt für Schrittauflösen, bleibt uns immer der noch nicht aufgelöste Rest, der Stoff,der wahre Repräsentant des Dinges. Ihm schreiben wir daher dieentdeckten Eigenschaften zu. So enthüllt sich die grosse Wahrheit„kein Stoff ohne Kraft, keine Kraft- ohne Stoff“ als eine blosse Folgedes Satzes „kein Subjekt ohne Prädikat, kein Prädikat ohne Subjekt,“„keine Substanz ohne Accidens, kein Accidens ohne Substanz;“ mitandern Worten: wir können nicht anders sehen, als unser Auge zu-lässt, nicht anders reden, als uns der Schnabel gewachsen ist; nichtanders auffassen, als die Stammbegriffe unsres Verstandes bedingen.

Obwohl sonach die eigentliche Personifikation im Stoffbegriffliegt, so wird doch eben dadurch die Kraft beständig mit personifi-cirt, dass man sie sich als einen Ausfluss des Stoffes, gleichsam alsein Werkzeug desselben denkt. Gewiss stellt sich Niemand bei einerphysikalischen Untersuchung die Kraft ernsthaft als eine in der Luftschwebende Hand vor; eher dürften die Polypenarme passen, mitdenen ein Stofftheilchen das /uidre umklammert. Das, was am Kraft-begriff anthropomorph ist, gehört im Grunde noch dem Stoffbegriffan, auf den man, wie auf jedes Subjekt, einen Theil seines Ichsüberträgt. „Die Existenz der Kräfte,“ sagt Redtenbach-er, „er-kennen wir an den mannigfaltigen Wirkungen, welche sie hervor-bringen, und insbesondere durch das Gefühl und Bewusstsein vonunseren eignen Kräften.“ Durch das letztere geben wir der blossmathematischen Erkenntniss doch nur die Färbung des Gefühls undgerathen dadurch zugleich in Gefahr, aus der Kraft etwas zu machen,was sie nicht ist. Grade jene Annahme „übersinnlicher Kräfte“, welchedie Materialisten eigentlich bekämpfen wollen, kommt immer daraufhinaus, dass man neben den Stoffen, die aufeinander wirken, sichfür die Kraft noch eine unsichtbare Person hinzudenkt, also einenfalschen Faktor in Rechnung bringt. Das ist aber nie Folge eineszu abstrakten, sondern vielmehr eines zu sinnlichen Denkens. DasUebersinnliche des Mathematikers ist genau das Gegentheil von demUebersinnlichen des Naturmenschen. Wo der letztere übersinnlicheKräfte anbringt, da ist ein Gott, ein Gespenst oder sonst ein per-sönlich, also in Wahrheit möglichst sinnlich gedachtes Wesen da-hinter. Der personificirte Stoff ist dem Naturmenschen schon vielzu abstrakt, deshalb malt er sich in der Phantasie noch eine „über-