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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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380
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

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Anwendung auf die Natur nie getrennt werden dürfen. Eine reineMaterie wäre für die übrige Natur gleichgültig, weil sie nie eineVeränderung in dieser oder in unsern Sinnesorganen bedingen könnte!eine reine Kraft wäre etwas, was dasein sollte und doch wieder nichtdasein, weil wir das Daseiende Materie nennen. Ebenso feh-lerhaft ist es, die Materie für etwas Wirkliches, die Kraft für einenblossen Begriff erklären zu wollen, dem nichts Wirkliches entspräche;beides sind vielmehr Abstraktionen von dem Wirklichen, in ganzgleicher Art gebildet; wir können ja die Materie eben nur durchihre Kräfte, wie an sich selbst, wahrnehmen.“

Ein trefflicher Philosoph — ob zwar Professor — hat in meinemExemplar dieser Abhandlung zu den Worten „weil wir das DaseiendeMaterie nennen“ ganz richtig an den Rand geschrieben „vielmehrSubstanz“. In der That ist der Grund, warum wir keine reine Kraftannehmen können, nur in der psychischen Nothwendigkeit zu suchen,welche uns unsre Beobachtungen unter der Kategorie der Substanzerscheinen lässt. Wir nehmen nur Kräfte wahr, aber wir verlangeneine beharrliche Trägerin dieser wechselnden Erscheinungen, eine Sub-stanz. Die Materialisten nehmen in naiver Weise die unbekannteMaterie als einzige Substanz; Helmholtz dagegen ist sich wohl be-wusst, dass es sich hier nur um eine Annahme handelt, welchedurch die Natur unsres Denkens gefordert wird, ohne für das wahr-haft Wirkliche Geltung zu haben. Es macht daher wenig Unterschied,dass er in dieser Annahme eben jene Materie an die Stelle der Sub-stanz bringt, welche er doch vorher als qualitätlos annimmt; derStandpunkt der Betrachtung ist im Wesentlichen der Kantische. Wasaber die passive und wirkungslose Natur der Materie betrifft, inso-fern wir von den Kräften abstrahiren, so wäre diesem Rückfall indie aristotelische Definition durch die Annahme eines relativen Be-griffs der Materie vorzubeugen. Dazu gehört denn auch ein relativerKraftbegriff, und wir dürfen uns wohl erlauben, als Abschluss dieserUntersuchungen hier ein Kleeblatt zusammengehöriger Definitionenvorzuschlagen.

Ding nennen wir eine zusammenhängende Gruppe von Erschei-nungen, die wir unter Abstraktion von weiteren Zusammenhängen undinneren Veränderungen einheitlich auffassen.

Kräfte nennen wir diejenigen Eigenschaften des Dinges, welchewir durch bestimmte Wirkungen auf andre Dinge erkannt haben.

Stoff nennen wir dasjenige an einem Ding, was wir nicht weiter