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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Einer solchen Accumulationstheorie gegenüber empfiehlt sich dieLaplace’sclie Verdichtungstheorie durch Einfachheit und Uebersicht-lichkeit, Eigenschaften, welche gewiss oft mit der objektiven Wahr-heit verbunden sind, aber nicht immer, da sie mit menschlichemMaassstabe gemessen werden. In der Geologie z. B. war die An-schauung der Erdrevolutionen gewiss auch durch diese Eigenschaftenvor der Lyell’schen Ansicht ausgezeichnet, und doch hat die letztereüberwiegende Gründe für sich. Das blosse Streben nach einfachenund grossartigen Anschauungen gehört schon seiner Natur nach indie Metaphysik. Es gehört zu den „Einheitsbestrebungen der Ver-nunft“, die auch im vorigen Jahrhundert bei der fast dogmatischenBehauptung der Existenz sternloser Nebelflecke durch Halley, Derham,Lacaille, Kant und Lambert eine bedeutende Rolle spielten. Aufstreng physikalischem Standpunkt dagegen sieht man nichts als eineReihe von Möglichkeiten vor sich. Indem unser ganzes Sonnensystem

— bis jetzt trotz Mädlers Bemühungen noch ohne Centralsonne

— sich unbekannten Femen zubewegt, muss schon allein hierin eineSchranke jeglicher Dogmatik gefunden werden.

Wenn die Materialisten noch heute dazu neigen, eine philoso-phische Dogmatik auf die Physik zu bauen, so werden sie also auchin dem wichtigen Punkte der Kosmogonie sich auf den Standpunktdes Relativismus zurückgewiesen sehen. Dieser ergiebt, bei strengerDurchführung, auch eine Philosophie; nur freilich keine dogmatische.Kant würde sagen, dass sich nur der Verstand bei ihm befriedigtfindet, aber nicht die Vernunft. Dies ist jedoch auch nicht so un-bedingt hinzunehmen.

Vergleichen wir einen Augenblick in Beziehung auf die meta-physische Befriedigung das System Czolbe’s mit einem strengen Re-lativismus. Czolbe basirt sein System ganz offen auf den Zweck derBefriedigung des Gemüthes, und wir haben bereits oft genug bemer-ken können, dass diese von Kants Befriedigung der Vernunft nurscheinbar verschieden ist. Er hält grade die Ewigkeit der Welt fürden Schlussstein des Gebäudes, sonst würde er sie den Schwierig-keiten gegenüber, die er selbst wohl einsieht, nicht so standhaft ver-teidigen. Feuerbachs kategorischer Imperativ: „Begnüge dichmit der gegebenen Welt!“ scheint ihm unausführbar, so lange nichtwenigstens der Bestand dieser gegebenen Welt gegen die Untergangdrohenden Folgerungen der Mathematiker gesichert ist. Es ist nunaber sehr die Frage, ob es vom Standpunkt der Gemütsruhe aus