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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

kommen, dass unsre Erkenntniss uns nicht die Dinge an sich er-schliesst, sondern nur ihr Verhältniss zu unsern Sinnen; so ist dochdies Verhältniss um so vollkommner, je lauterer es ist; ja es ist so-gar der berechtigten Dichtung eines Absoluten um so tieferverwandt, je reiner es sich von willkürlichen Beimischungen erhält.

Fast noch mehr als die Entstehung des Weltganzen hat den den-kenden Geist seit geraumer Zeit das Entstehen der Organismenbeschäftigt. Für die Geschichte des Materialismus wird diese Frageschon deshalb wichtig, weil sie zu den anthropologischen Fragen,um die der materialistische Streit sich besonders zu drehen pflegte,den Uebergang bilden. Der Materialist verlangt eine erklärbare Welt;ihm genügt es, wenn die Erscheinungen .sich so fassen lassen, dassdas Zusammengesetzte aus dem Einfachen, das Grosse aus dem Klei-nen, das vielfach Bewegte aus der schlichten Mechanik hervorgeht.Mit allem Uebrigen glaubt er leicht fertig^ zu werden, oder viel-mehr er übersieht die Schwierigkeiten, die sich erst dann ergeben,wenn die erklärbare Welt in der Theorie so weit hergestellt ist,dass das Causalgesetz kein weiteres Opfer mehr zu fordern hat.Der Materialismus hat auch auf diesem Gebiete aus Dingen, welchevon jedem vernünftigen Standpunkte aus anerkannt werden müssen,Nahrung gezogen; bis auf die neueste Zeit hin war aber gradedie Entstehung der Organismen ein Punkt, welcher von den Geg-nern des Materialismus nachdrücklich ausgebeutet wurde. Ins-besondere glaubte man im Ursprung der Organismen mit Nothwen-digkeit auf einen transcendenten Schöpfungsakt geführt zu sein,während man in der Einrichtung und Erhaltung der organischenWelt immer neue Stützen der Teleologie zu finden meinte. Ja,eine gewisse Opposition gegen materialistische Ansichten knüpfte sichoft schon an den blossen Namen des Organischen, des Lebenden,indem man auf diesem Gebiet gleichsam den verkörperten Gegensatzeiner höheren, geistig wirkenden Kraft gegen den Mechanismus dertodten Natur vor Augen zu haben wähnte.

Im Mittelalter und noch mehr im Beginne der Neuzeit, so weitnamentlich der Einfluss eines Paracelsus und van IIelmont reichte,fand man zwischen dem Organischen und Unorganischen keine solcheKluft, wie in den letzten Jahrhunderten. Es war eine weit ver-breitete Vorstellung, dass die ganze Natur beseelt sei. Liess schon( Aristoteles Frösche und Schlangen aus dem Schlamm entstehen, sokonnte man dergleichen unter der Herrschaft der Alchymie vollends