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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
Damit entgehen wir denn dem innersten Grunde des Widerspruchs,der überhaupt in der Annahme absoluter Einheiten besteht, die unsnirgends gegeben sind. Fassen wir alle Einheit als relativ, se-hen wir in der Einheit nur die Zusammenfassung in unsermDenken, so haben wir damit zwar nicht das innerste Wesen derDinge erfasst, wohl aber die Consequenz der wissenschaftlichen Be-trachtung möglich gemacht. Die absolute Einheit des Selbstbewusstseinsfährt zwar schlecht dabei, allein es ist kein Uebelstand, wenn eineLieblingsvorstellung einiger Jahrtausende beseitigt wird. In diesemAbschnitt halten wir uns zunächst an die allgemeineren Erscheinungender organischen Natur.
Goethe, dessen Morphologie wir als eine der gesundestenund fruchtbarsten Arbeiten unsrer so vielfach getrübten Epoche derNaturphilosophie betrachten dürfen, hatte den Standpunkt, auf wel-chen uns gegenwärtig alle neueren Entdeckungen mit Macht hin-drängen, schon bloss durch die denkende Vertiefung in die mannig-faltigen Formen und Wandlungen der Pflanzen- und Thierwelt ge-wonnen. „Jedes Lebendige“, lehrt er, „ist kein Einzelnes,sondern eine Mehrheit; selbst insofern es uns als Indivi-duum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von le-bendigen selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nachgleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleichoder unähnlich werden können. Diese Wesen sind theils ursprüng-lich schon verbunden, theils finden und vereinigen 'sie sich. Sie ent-zweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendlicheProduktion auf alle Weise und nach allen Seiten. — Je unvollkomme-ner das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Tlieile einander gleichoder ähnlich, und desto mehr gleichen sie dem Ganzen. Je voll-kommener das Geschöpf wird, desto unähnlicher werden die Tlieileeinander. In jenem Falle ist das Ganze den Theilen mehr oder we-niger gleich, in diesem das Ganze den Theilen unähnlich. Je ähn-licher die Theile einander sind, desto weniger sind sie einander sub-ordinirt. Die Subordination der Theile deutet auf ein vollkommneresGeschöpf.“
Virchow, welcher diesen Ausspruch Goethes in einem trefflichenVortrag über Atome und Individuen benutzt hat, ist zu den Män-nern zu zählen, welche durch positive Forschung und scharfsinnigeTheorie dazu beigetragen haben, uns über das Verhältniss der Wesenaufzuklären, deren innige Gemeinschaft das „Individuum“ bildet.