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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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407
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Die neueren Naturwissenschaften.

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Die Pathologie, bis dahin ein Feld wüster und abergläubischerVorurtheile, wurde durch ihn aus demselben Leben der Zellen er-klärt, welches in seinen normalen Erscheinungen das Gesammtlebendes gesunden Individuums erzeugt. Das Individuum ist nach seinerErklärung „eine einheitliche Gemeinschaft, in der alle Theilezu einem gleichartigen Zwecke Zusammenwirken, oder, wie man esauch ausdrücken mag, nach einem bestimmten Plane thätig sind.“Diesen Zweck erklärt Virchow weiterhin als einen inneren, immanen-ten. „Der innere Zweck ist auch zugleich ein äusseres Maass, überwelches die Entwickelung des Lebendigen nicht hinausreicht.“ DasIndividuum, welches seinen Zweck und sein Maass in sich trägt, istdaher eine wirkliche Einheit im Gegensatz zu der bloss gedach-ten Einheit des Atoms.

Hier haben wir also in der Anerkennung eines immanenten Zweckeswieder das uralte formale Element, dessen die Naturauftässung sowenig ganz entbehren kann, dass wir es selbst bei C. Vogt anerkanntlinden. Mit einer begrifflichen Schärfe, die wir bei diesem Schrift-steller sonst nicht gewohnt sind, erklärt er in seinen Bildern ausdem Thierleben, nachdem er erörtert hat, wie die ersten erkennbarenFormen des Embryo aus den Zellenhaufen des Dotters hervorgehn:„So ist denn auch hier wieder erst mit dem Auftreten derForm der Organismus als Individuum gegeben, währendvorher nur der gestaltlose Stoff vorhanden war.“ DieseAeusserung rührt nahe an Aristoteles. Die Form macht das Wesendes Individuums; wenn das wahr ist, mag man sie auch als Sub-stanz bezeichnen, selbst w'enn sie mit Naturuothwendigkeit aus denEigenschaften des Stoffes hervorgeht. Diese Eigenschaften sinddoch bei Licht besehen nur wieder Formen, die sich zu höherenFormen zusammenschliessen. Die Form ist auch der wahre logischeKern der Kraft, wenn man von diesem Begriff die falsche Xeben-vorstellung einer zwingenden menschenähnlichen Gewalt hinwegthut.Die Form allein sehen wir, wie wir die Kraft allein empfinden. Manbeachte die Form eines Dinges, so ist es Einheit; man sehe von derForm ab, so ist es Vielheit oder Stoff, w 7 ie wir in dem Kapitel vonder Scholastik erörtert haben.

Vogt hebt, theoretisch reiner, den metaphysischen Begriffder Einheit hervor; Virchow hält sich an den physiologischen,an die Gemeinsamkeit des Lebenszweckes, und dieser Begriff zeigtuns die Relativität des Gegensatzes von Einheit und Vielheit ganz