Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
408
JPEG-Download
 

408

Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

anschaulich. Im Pflanzenreich kann ich nicht nur die Zelle und dieganze Pflanze als Einheit betrachten, sondern auch den Ast, denSpross, das Blatt, die Knospe. Es mag sich aus praktischen Grün-den empfehlen, den einzelnen Trieb, welcher als Ableger ein selb-ständiges Dasein führen kann, als Individuum zu betrachten; dannist die einzelne Zelle nur ein Tlieil desselben und die Pflanze isteine Kolonie. Der Unterschied ist jedoch ein relativer. Kann dieeinzelne Zelle einer höheren Pflanze kein selbständiges Dasein führen,ohne in der Umgebung der andern Zellen zu bleiben, so kann esauch der Ableger nicht, ohne entweder in der Pflanze, oder im Bo-den zu wurzeln. Alles Leben ist nur im Zusammenhänge mit na-turgemässer Umgebung möglich und die Idee eines selbständigenLebens ist bei dem ganzen Eichbaum so gut eine Abstraktion, wiebei dem kleinsten Fragment eines losgerissenen Blättchens. Unsreneueren Aristoteliker legen Werth darauf,, dass der organischeTlieil nur im Organismus entstehen und nur in diesem leben könne.Es ist aber mit der mystischen Herrschaft des Ganzen über denTlieil nicht viel anzufangen. Die ausgerissene Pflanzenzelle führt ihrZelleiileben in der Tliat weiter, wie das ausgerissene Herz des Fro-sches noch zuckt. Wenn der Zelle kein Saft mehr zugeführt wird,so stirbt sie, wie in demselben Falle auch der ganze Baum stirbt;die kürzere oder längere Zeitdauer ist in den Verhältnissen begrün-det, nicht im Wesen des Dinges. Eher wäre Werth darauf zu legen,dass sich die Pflanzen nicht äusserlicli aus Zellen zusammenschaaren,dass sich die einzelnen Zellen nicht direkt aus dem Nahrungsstoffbilden und so dem Ganzen zutreten, sondern dass sie stets in andernZellen durch Theilung derselben entstehen. In der Tliat findet fürdie organische Welt der aristotelische Satz, dass das Ganze vordem Tlieil sei, so weit wir sehen können, meistens Anwendung;allein der Umstand, dass die Natur in der Regel so verfährt,berechtigt uns durchaus nicht, jenem Satz eine strenge Allgemeinheitzuzuschreiben. Er kann empirisch wahr sein und metaphysisch sofalsch, wie alle metaphysischen Sätze. In der That reicht schon dieblosse Thatsache des Oculirens hin, ihn in die engen Schranken ge-wöhnlicher Erfahrungssätze zuriickzuweisen. Im vorigen Jahrhundertliebte man Versuche mit der Transfusion des Blutes aus einem tliie-rischen Körper in den andern anzustellen, welche wenigstens tlieil-weise gelangen. In neuerer Zeit hat. man gradezu organische Theilevon einem Körper auf den andern übertragen und zum Leben ge-